Zeit für Neues
Eine Chronologie
Am Anfang ...
Am Anfang stand Zerstörung - die fast vollständige Zerstörung des Kirchenraumes, der Einsturz der Türme und Gewölbe, die Gefährdung der Mauern. Am Anfang stellte sich die Frage, ob das Gebäude gerettet werden könne. Ob ein Wiederaufbau möglich sein würde.
Er war möglich.
Noch in den Jahren des Krieges wurde mit den Wiederaufbaumaßnahmen begonnen. Die Marienkirche, die "Mutterkirche" der Backsteingotik, galt als 'Prestigeobjekt' in schwieriger Zeit.
Gotik und Moderne
Zum Zeitpunkt ihrer Zerstörung war die Architektur der Marienkirche ideologisch stark aufgeladen. Seit vielen Jahrzehnten gab es heftige Auseinandersetzungen darüber, welche Nation als Erfinderin und Vollenderin der Gotik gelten könne: Deutschland oder Frankreich. Diese Frage wurde selbstverständlich je nach Nationalität unterschiedlich beantwortet.
In Deutschland war der Begriff „gotisch“ seit den 1910er Jahren sogar zu einem Synonym für deutsche Kunst geworden.
Auch nach dem Kriegsende blieb die Begeisterung für das kulturelle Erbe der „Väter“ ungebrochen. Ziel der Wiederaufbaumaßnahmen der Marienkirche war es, die gotische Architektur der Kirche originalgetreu wiederherzustellen, ohne Ergänzungen aus späteren Epochen. Man wollte gewissermaßen direkt ins Mittelalter zurückspringen. Bei der Gestaltung des Innenraums verfolgte man jedoch einen anderen Ansatz: Er sollte als Gottesdienst- und Veranstaltungsort modern gestaltet werden.
Das Ziel der langjährigen Neugestaltung der Marienkirche war es, historische Architektur und gegenwärtige Nutzung ästhetisch miteinander zu verbinden. Wir betrachten nun die einzelnen Schritte dieses Prozesses.
Orte des Gedenkens
Bevor jedoch die gottesdienstliche Nutzung der Marienkirche bei den Wiederaufbaumaßnahmen konkret in den Blick genommen wurde, entstanden zwei Orte des Gedenkens: Mit der Umnutzung der Kapelle unter dem Südturm und der Wiederherstellung der Totentanz-Kapelle wurden zwei Projekte realisiert, die sich mit der Erinnerung an deutsche Kriegsverluste beschäftigten. Schuld und Verantwortung spielten in den 1950er-Jahren noch keine Rolle. Adressat der Projekte war die breite Öffentlichkeit.
Heute ist die Kapelle unter dem Südturm ein bedeutendes Mahnmal gegen Gewalt und Krieg sowie für Völkerverständigung. Sie beherbergt ein Coventry-Kreuz.
Über das Coventry-Kreuz und das Nagelkreuzzentrum erfährst du hier mehr.
„Erhalten geblieben ist die Schatulle,
die Perlen müssen wir selbst hineintun!“
So hieß es 1953, als der Wiederaufbau in vollem Gange war, Gelder beschafft wurden und Entscheidungen über die Neugestaltung des Kircheninnenraums getroffen werden mussten.
In den Jahren 1956 und 1957 wurde in der Marienkirche ein erster Akzent zeitgenössischer Kunst gesetzt: der Einbau der von Alfred Mahlau entworfenen Totentanz-Fenster für die gleichnamige Kapelle. Die Totentanz-Kapelle sollte an eine 1942 zerstörte spätmittelalterliche Malerei erinnern – den Lübecker Totentanz des Malers und Bildhauers Bernt Notke.
Forschungen zu dem Lübecker Maler und Werkstattleiter Bernt Notke hatten diesem Werk in den 1920-Jahren einen bedeutenden Platz in der Kunstgeschichte gesichert. Doch bereits in früheren Reiseberichten, war der Lübecker Totentanz Gegenstand des Interesses.
Allerdings war der 1463 gemalte Totentanz bereits frühzeitig restaurierungsbedürfig. Die klimatischen Bedingungen in der Nordvorhalle setzten dem empfindlichen Leinwandgemälde stark zu. 1701 sahen sich die Kirchenvorsteher gezwungen durch den Maler Anton Wortmann eine Kopie anfertigen zu lassen.
Die Faszination für den Lübecker Totentanz tat dies jedoch keinen Abbruch. Und so tanzen heute die makabren Figuren Mahlaus vom Tageslicht durchflutet nach einer stummen Musik durch den immerwährenden Schrecken des Todes – den Krieg. Die Darstellung der brennenden Stadtsilhouette Lübecks in der Sockelzone stellt diesen eindeutigen Zusammenhang her. Mahlau passte seine traditionelle musivische Bildsprache den Vorgaben der historischen Architektur an.
Zu den Totentanzfenstern von Alfred Mahlau erfährst du hier mehr.
Der Tanz mit dem Tod
Im 20. Jahrhundert feierten die Totentänze eine Renaissance - eine Wiedergeburt. Nicht nichtzuletzt unter dem Einfluss der traumatiserenden Erfahrungen der Weltkriege setzten sich Komponisten und bildende Künstler mit diesem alten und immer wieder aktuellen Thema auseinander. Der Lübecker Totentanz blieb für viele Künstler eine Inspirationsquelle so zum Beispiel für
- den Organisten der Jacobi-Kirche, Hugo Distler (1908-1942). Er schuf unter dem Einfluss der Malerei eine Motette, die 1934 in der Katharinenkirche uraufgeführt wurde. Die Texte verarbeiten zum Teil die damals noch erhaltenen mitteldeutschen Verse. Hier kannst du in das Musikstück reinhören https://www.youtube.com/watch?v=G8xlzT32l0s
- Walter Kraft. Er war seit 1929 Organist an St. Marien und komponierte 1954 eine Abendmusik nach dem Gemäldefries. Sie wurde 1956 aufgeführt anlässlich des Einbaus der Totentanzfenster von Alfred Mahlau. Walter Kraft setzte sich auch für den Bau der neuen Totentanz-Orgel in St. Marien ein.
Lübeck ein Hotspot der Totentänze!
"Störendes Beiwerk"
Im Mittelpunkt der Wiederaufbaumaßnahmen stand die Gestaltung des Chorraumes. Diesem liturgischen Zentrum der Kirche kam natürlich größte Aufmerksamkeit zu. Die Diskussionen wurden heftig geführt und setzten sich vor allem mit der Frage auseinander, ob der alte Fredenhagenaltar in die Neugestaltung einbezogen werden solle. Dieses Hauptwerk des norddeutschen Barock galt damals als „störendes Beiwerk“ (Denis Bonvier). Man begrüßte die durch die Zerstörung entstandene Leere des Kirchenraums als Ausdruck zeitgemäßen Empfindens.
Schließlich fiel die Entscheidung auf den Entwurf des Architekten Denis Boniver. Er sah den Abbruch des Fredenhagenaltars vor und kam einer „durchgreifenden künstlerischen Bereinigung“ (Denis Bonvier) des historischen Kirchenraums gleich.
Bonviers Entwurf richtete sich gegen die als unzeitgemäß empfundene Bildsprache des Barock. Von der wechselvollen Geschichte der Kirche blieben nur die gotische Architektur und die handelnde Gegenwart übrig. Zwischen Gotik und Moderne suchte man nach Ausdrucksmöglichkeiten einer zeitgemäßen religiösen Kunst.
Wie sich die Bildsprache zum Beispiel der Altäre in der Marienkirche über Jahrhunderte hinweg verändert hat, erfährst du hier mehr.
Auf der Suche nach einer zeitgenäßen religiösen Kunst
Mitten im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Moderne steht das erste neue religiöse Kunstwerk in der Marienkirche: das Kruzifix von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1959. Es erinnert an romanische Christusdarstellungen.
Marcks galt nach dem Krieg, neben Ernst Barlach, als ein Künstler, der ein modernes religiöses Empfinden vor dem Hintergrund der Erfahrungen von Krieg und nationalsozialistischer Herrschaft ausdrücken konnte.
Viele seiner Werke waren während der Zeit des Nationalsozialismus geächtet und beschlagnahmt worden.
Das fast lebensgroße Kreuz hängt direkt über dem Altar. Es markiert den liturgischen Mittelpunkt der Kirche – für alle sichtbar und zugänglich, ohne den noch bis 1942 vorhandenen, trennenden Lettner.
Der Altartisch aus Muschelkalk von Denis Bonvuer und das Kruzifix von Gerhard Marcks übertragen das liturgische Geschehen in eine damals als zeitgemäß empfundene Bildsprache – im Gegensatz zum barocken Fredenhagenaltar, der als „museal“ wahrgenommen wurde.
Direkt über dem Altar wirft das Gegenlicht einen kräftigen Schatten auf die Christusgestalt, was von Zeitgenossen bereits damals kritisch bemerkt wurde. Man könnte jedoch auch sagen, dass die Christusfigur im Gegenlicht in das Kreuzsymbol zurücktritt und so eine universelle Deutung des Kreuzes ermöglicht.
Ein Raum im Raum
Der Architekt Denis Boniver gestaltete den Chorraum in seinem Entwurf als bühnenartigen sakralen Raum. Er ließ ihn anheben und eine Treppenanlage errichten. Der Altar aus Muschelkalk sowie das lebensgroße Kruzifix bilden den monumentalen Mittelpunkt des Ensembles.
Nach den Plänen Bonivers war dieser „Bühnenraum“ zunächst von drei Meter hohen Betonmauern umgeben. Diese verstärkten den modern-sachlichen Charakter der Anlage.
Der abgeschirmte sakrale Bereich diente in den 1950er Jahren dem Bistum Lübeck als Gottesdienststätte, da der Dom damals noch nicht wieder genutzt werden konnte. Auch dieser war im Krieg stark zerstört worden.
Im Jahr 1996 wurden die monumentalen Betonmauern durch Nachbildungen der ursprünglichen spätgotischen Chorschranken ersetzt. Der Chorraum ist nun wieder von außen einsehbar, die Grenzen sind durchlässig. Der Raum lädt zum Betrachten und Verweilen ein.
Das Langhaus der Kirche war bereits bei den Wiederaufbaumaßnahmen als zukünftiger Veranstaltungsraum für Konzerte und Ausstellungen geplant. Dabei wird die historische Unterteilung des Kirchenraums bewahrt.
Ein Meilenstein moderner Glasmalerei
1965 begann mit der Gestaltung des Westfensters durch Hans-Gottfried von Stockhausen eine Reihe von Glasmalerei-Projekten in St. Marien, für die bedeutende Vertreter moderner Glasmalerei gewonnen werden konnten.
Hans Gottfried von Stockhausen gestaltete das Fenster in Auseinandersetzung mit den Totentanzfenstern Alfred Mahlaus und der Chorraumgestaltung. Er knüpfte dabei an die alte Tradition der Weltgerichtsdarstellungen in den Westportalen der mittelalterlichen Kathedralen an. Die Szenen der Auferstehung der Toten und der Kampf des Engels gegen das Böse sind im christlichen Glaubensverständnis das heilsnotwendige Gegenüber zum Kruzifix im Chorraum.
Allerdings erschwert die kleinteilige Komposition und die große Distanz die Lesbarkeit der Motive. Was für moderne Betrachter*innen nachteilig erscheint, ist jedoch vom Künstler gewollt: Nicht das Motiv, sondern das Licht trägt die Botschaft in den Raum. Und auch damit steht von Stockhausen in der Tradition mittelalterlicher Glasmalerei.
Wenn du Lust und Zeit hast, dich in dieses Glasbild hineinzuschauen und zu -denken, dann klicke hier.
Schirm und Schutz
An den Südturm schmiegt sich von außen ein wahrer Schatz gotischer Baukunst: die sogenannte Briefkapelle. Sie stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert und war ursprünglich der Heiligen Anna geweiht. Doch da in späteren Jahrhunderten hier die öffentlichen Schreiber ihren Sitz hatten und für Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, ihre Dienste anboten, wird sie heute Briefkapelle genannt.
Während der Wiederaufbauphase der Marienkirche wurde sie als Gottesdienstraum genutzt und in den 1970er-Jahren schließlich umfassend restauriert. Ihre kunsthistorische Bedeutung trat nun in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie erhielt im Inneren ihre urspüngliche Ausmalung mit zarten Rot- und Ockertönen zurück und eine moderne Ausstattung, die ihrer künstlerischen Wert Rechnung trug: dazu gehören die 1976 von Ingeborg Bukor entworfenen Türgriffe am Südportal der Kapelle.
Bukor schuf zwei Menschengruppen, die dichtgedrängt unter Regenschirmen Schutz suchen. Die Gruppe rechts am Türgriff scheint in die Kapelle hineinzugehen, die andere auf der linken Seite herauszukommen. Mit ihrem liebevoll-ironischen Blick auf „den Menschen“ gestaltete Bukor kompakte Figuren in Mänteln, deren Gesichter unter den Schirmen verborgen sind.
Ohne Worte und mit viel Sinn für Geschichte
Zu der modernen künstlerischen Ausstattung der Briefkapelle gehören auch der 1981/1982 von Johannes Schreiter entworfenen Glasmalereizyklus. Mit diesen Glasmalereien ist Schreiter unter Wahrung denkmalpflegerischer Auflagen ein berührendes Beispiel für die Raumwirkung moderner Glasmalerei gelungen. Die Fenster markieren einen Wendepunkt in der Glasmalerei hin zu großflächigen abstrakten Kompositionen.
Die Fenster sind Teil der Architektur und bestimmen die Raumwirkung mit. Der Künstler verzichtete in seinem Werk auf christliche Symbole und Figuren. Er nimmt stattdessen in der Netzstruktur seiner Fenster die Form der zarten hochgotischen Gewölbe auf. Jenseits gegenständlicher Zuweisung gelingt Schreiter eine wunderschöne, den Raum durchdringende Darstellung der Balance zwischen Zerstörung und Hoffnung und eine Würdigung der historischen Architektur.
Hier erfährst du mehr über den Glasmalerei von Johannes Schreiter.
Ein ungewöhnlicher Tisch
1984 gestaltete der Bildhauer Heinz Heiber einen Abendmahlstisch für die Gemeinde der Marienkirche. Der Tisch steht vor den Stufen zum Chorraum frei im Raum. Dadurch wird es den Gemeindemitgliedern ermöglicht, sich während des Abendmahls um den Tisch zu gruppieren. Die strenge Frontalität der Altaraufstellung von Denis Boniver ist damit aufgeboben. Die Gemeinde erlebt das christliche Abendmahl als gemeinschaftliches Ereignis.
Heinz Heiber gestaltete den Abendmahlstisch auf ungewöhnliche Weise: Aus der Mitte des Tisches erhebt sich die stilisierte Figur des Christus. Er bringt mit ausgestreckten Armen und geöffneten Händen das Abendmahl, Brot und Wein, dar.
Heibers scharfkantige und blockhafte Christusfigur wirkt nicht auf jeden Betrachtenden einladend. Sie ist Ausdruck künstlerischer Tendenzen der
2. Hälfte des 20. Jh.. Sie fügt sich gut in die Ausstattung des Chorraumes aus den 1950er-Jahren ein.
Hier erfährst du mehr über den Wandel in der Gestaltung von Altären.
Die Kapelle zwischen den Türmen - ein besonderer Ort
1999 gestalteten der Lübecker Architekt Kuno Dannien und der Künstler Johannes Schreiter das Westportal der Marienkirche neu, sodass der Eingang zur Kirche nach vielen Jahren wieder zugänglich wurde. Auch der Raum hinter beziehungsweise vor dem Portal wurde von Dannien neu hergerichtet. Bis Mitte der 1990er Jahre war dort der kostbare Danziger Paramentenschatz ausgestellt worden.
Mehr zum Danziger Paramentenschatz erfahren Sie hier: https://st-annen-museum.de/danziger-paramentenschatz-st-annen-museum-luebeck
Viele Jahrhunderte lang war der Raum als Kapelle der Kaufleutekompagnie der Bergenfahrer genutzt worden. Er gehörte damit zu den zahlreichen privat genutzten Kapellen der Kirche und war durch ein Schrankenwerk vom Kirchenschiff abgetrennt. Im Jahr 1942 verbrannte das Kapellengitter, ebenso wie fast das gesamte damals noch vorhandene Inventar.
Bei der Wiederherstellung des Raumes im Jahr 1999 wurden all diese Aspekte der Raumgeschichte berücksichtigt und in eine moderne Form- und Materialsprache übertragen: Der ursprüngliche Zugang zur Kirche wurde wiederhergestellt. Die ursprüngliche Nutzung als Kapelle wird durch die moderne Abschrankung mit ihrer an gotische Spitzbögen erinnernden Formensprache aufgegriffen. Die heutige Nutzung als Präsentationsort für eine Fotodokumentation zum Brand von 1942 nimmt die Zweitverwendung als Ausstellungsraum erneut auf.
Kuno Dannien wählte Stahl als Material und schuf so einen deutlichen Gegensatz zum historischen Baustoff Backstein. Auch mit dem gläsernen Durchbruch der Stahltüren stellte sich Dannien einer mögichen historisierenden Gestaltung des mittellaterlichen Portals entgegen.
Über die Arbeiten von Johannes Schreiter in der Marienkirche erfährst du hier mehr.
Der niedliche Teufel
1999 erhielt die Marienkirche ein weiteres Werk zeitgenössischer Kunst im Außenbereich. Nur wenige Meter von den erzählenden Türgriffen Ingeborg Bukors entfernt, erfreut sich ein verschmitzt lächelndes Teufelchen großer Beliebtheit bei den Besucher*innen – nicht nur der Marienkirche.
Der Bildhauer Rolf Görler schuf einen selbstzufriedenen Teufel, der sich seiner trickreichen Überlegenheit über die vermeintliche Dummheit der Menschen bewusst ist. Er ist der Protagonist einer alten Lübecker Legende, in der letztlich jedoch der Teufel der Hintergangene ist und nicht die Menschen.
Im Sinne mittelalterlicher Fastnachtsspiele macht die Legende den Fürsten der Finsternis lächerlich. Görler fand in seiner kompakten, reduzierten Formsprache eine fast liebevolle Darstellung des Teufels. Die teils glänzend polierte Oberfläche, das flauschige Fell und die Lachfältchen verleihen diesem Teufel keinen Schrecken mehr. Wie könnte er auch Furcht einflößen – hinters Licht geführt von den klugen Lübeckern und mit der ehrfurchtgebietenden Kirche im Rücken? Görlers Teufelchen lädt dazu ein, sich neben ihn zu setzen und sich auf den Eintritt in das Gotteshaus einzustimmen.
Tod und Taube
Im Jahr 2002 wurde ein Entwurf des Malers und Bildhauers Markus Lüpertz für die Totentanz-Kapelle realisiert. Es ist das vorerst letzte Projekt zeitgenössischer Glasmalerei für die Marienkirche.
Das kleine und an prominenter Stelle gelegene Fenster ermöglichte eine künstlerische Auseinandersetzung mit der alten „Doden-Kapelle“ und dem Lübecker Totentanz.
Das Fenster von Lüpertz besticht nicht nur durch die Dichte der Symbolik, sondern auch durch die Technik. Der Künstler schuf mit der für ihn typischen expressiven Gestik faszinierende Linien aus Blei. Außerdem verwendete er in der Glasmalerei unübliche Industrieglasscheiben.
Den Inhalt der Komposition kann nur verstehen, wer mit der Bildsprache des Christentums vertraut ist, so scheint es. Doch erlauben Totenschädel, grünender Rosenzweig, Taube und Schnecke auch eine über die christliche Symbolik hinausgehende Deutung.
Hier erfährst du mehr über die Glasmalerei von Markus Lüpertz.
Verletzungen und Verbindungen
Neben Markus Lüpertz ist auch der bekannte 2025 verstorbene Günther Uecker mit einem Kunstwerk in der Marienkirche vertreten. 2003 konnte die Installation „Verletzungen - Verbindungen“ - ein Ensemble aus 14 Kreuzen - erworben werden.
Die Kreuze befinden sich in einer der Chorumgangskapellen. Dicht gedrängt stehen die Kreuze dort, hochaufragend im Gegenlicht. Ihre Präsenz greift in den Chorumgang über. Die Rollen machen deutlich: Diese Aufstellung ist veränderlich. Dieses Werk war stets in Bewegung!
„Verletzungen - Verbindungen“ verdichtet die Geschichte St. Mariens. Die Kirche hat mit der Zerstörung im 2. Weltkrieg einen extremen, aber nicht den einzigen Einschnitt in ihre Bausubstanz und Ausstattung erfahren. Stets haben Menschen Gelegenheiten genutzt oder selbst herbeigeführt, um ihre Gegenwart in den Raum einzuschreiben.
Hier erfährst du mehr über das Symbol des Kreuzes in der christlichen Kunst.
und hier über die Bedeutung des Materials in der Kunst.
Die Kirche ist ein lebendiger Ort
Und so gehen nicht nur die Umbaumaßnahmen in St. Marien weiter. Auch im Hinblick auf die künstlerische Ausstattung wurde erst kürzlich ein weiterer Akzent gesetzt: In der Gedenkkapelle unter dem Südturm ist nun ein Gemälde Armin Müller-Stahls zu sehen. Es zeigt das Porträt Eric M. Warburgs, der durch sein beherztes Intervenieren eine weitere Bombardierung der Altstadt während des 2. Weltkrieges verhinderte.
Das Porträt stammt aus der Serie „Jüdische Freunde“. Sie entstand 2020 und zeigt Menschen, denen Mueller-Stahl persönlich begegnete oder deren Denken und Handeln ihn prägten. Mit dem für ihn charakteristischen vibrierenden Pinselduktus skizziert Mueller-Stahl ein Porträt, das sich nicht in einfachen Formen und klaren Konturen erschöpft. Stattdessen setzen Pinsel und Stift Linien, die sich umspielen, überlagern, widersprechen. Formen und Farben oszillieren vor dem statischen Backsteinmauerwerk. Der Blick Warburgs ist auf den Kapelleneingang gerichtet. Er scheint Fragen zu stellen - an unseren Beitrag zu Frieden und Versöhnung.
Einmal mehr zeigt sich in der Wahl dieses Kunstwerkes, das Kirchen lebendige Orte sind auch wenn sie museale Aufgaben erfüllen. Ihre Um- und Neugestaltung, ihre Nutzung z.B. für Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen ist Aufgabe der jeweiligen Gegenwart. Sie ist niemals abgeschlossen – solange die Kirche (be)steht.