Der Altar
Im Zentrum der Kirche
Das Herzstück der Kirche ...
Der Altar ist der Mittelpunkt, das Herzstück der Kirche und der christlichen Gemeinschaft. An ihm werden Gebete gesprochen, der Segen geteilt und natürlich das Abendmahl gefeiert. Im Kirchengebäude, muss er jedoch nicht unbedingt in der Mitte stehen. Oft befindet er sich im vorderen Teil der Kirche. Das ist vor allem bei alten Kirchen der Fall. Diese haben meist eine rechteckige Grundform, und der Altar steht dann an der östlichen Schmalseite des Rechtecks. Der Baukörper der Kirche scheint sich auf ihn auszurichten, und der Weg durch das Langhaus führt direkt auf ihn zu. In diesem Sinne ist er der "Mittelpunkt" des Kirchengebäudes.
In der Marienkirche steht der Altar im Chorraum, der von einem sogenannten Chorumgang umgeben ist. Diese Bauform ist typisch für die Kathedralen der Gotik, einer Epoche, aus der auch der Bau der Marienkirche stammt.
Über die Kirche als Ort der Begegnung mit Gott findest Du hier weitere Informationen
Eine Stärkung des Glaubens und der Gemeinschaft
Das Abendmahl wird in den christlichen Gemeinden regelmäßig gefeiert. Es erinnert an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Für die Christinnen und Christen ist es eine Stärkung ihres Glaubens sowie der Gemeinschaft mit Gott und untereinander.
Im Abendmahlsgottesdienst spricht die Pastorin oder der Pastor folgende Worte aus der Bibel: „Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“ (1. Brief an die Korinther, 11, 17–26). Von diesem Ereignis berichten mehrere Autoren des Neuen Testaments.Wenn du dich weiter informieren möchtest, gibt es hier einen guten Einstieg: https://www.ekd.de/Abendmahl-Basiswissen-Glauben-11028.htm
Auf dem Foto siehst du einen Ausschnitt aus einem Steinrelief mit der Szene des Abendmahls. Es befindet sich an den Chorschranken der Marienkirche. Es stammt aus der Zeit um 1510/1512.
Die Figuren wirken ruhig und gefasst. Jesus und seine Begleiter sind sehr realitätsnah gestaltet. Ihre Kleidung folgt jedoch nicht den damals üblichen Modetrends. Die Gewänder symbolisieren Einfachheit und die Abkehr von jeglicher Eitelkeit. So wurden biblische Figuren traditionell dargestellt.
Ein einfacher Tisch
Jesus und seine Begleiter saßen gemeinsam an einem Tisch, wie es auch auf dem Relief zu sehen ist.
Die frühen christlichen Gemeinden versammelten sich ebenfalls zu einem Mahl. Sie aßen Brot und tranken Wein, so wie es im Bibelzitat oben erwähnt wird. Ihre Treffen fanden meist in Privathäusern an einfachen Tischen statt. Das Zitat stammt aus einem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth (Griechenland) schrieb. In dem Brief geht es um die Einheit und den Zusammenhalt dieser Gemeinde. Die Rituale spielen dabei eine wichtige Rolle.
In dieser frühen Zeit des Christentums begann die Entwicklung von Ritualen, die später für die christliche Kirche prägend waren. Im Laufe seines Bestehens hat das Christentums vielfältige Wandlungen erlebt, Entwicklung neuer Strömungen, Abspaltungen aufgrund von unterschiedlichen theologischen Positionen. Auch um die Art, wie das Abendmahl zu verstehen und durchzuführen sei, gab es heftige Diskussionen. Das Christentum und seine Liturgie ist auch heute noch im Wandel. Es ist eine lebendige Gemeinschaft.
Das Abendmahl ist in allen christlichen Kirchen ein Sakrament, das heißt es gehört zu den sichtbaren Zeichen Gottes. Doch wie es gefeiert wird und ob Brot und Wein als Symbole angesehen werden oder die reale Anwesenheit Christi bedeuten ist unterschiedlich.
Ein würdevoller Ort
Der christliche Altar ist in der Regel ein Blockaltar, wie beispielsweise der Altar in der Marienkirche. Dessen Frontgestaltung erinnert aber zugleich an einen Tisch.
Auf dem Weg vom Tisch der frühen Christen zum Altar der christlichen Kirche ist die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich ein wichtiger Schritt. Nun konnten die Christ*innen ihren Glauben offiziell ausüben, ohne Verfolgung befürchten zu müssen. Sie begannen, öffentliche Versammlungs- und Gottesdiensträume einzurichten – die Kirchen.
Zur Ausstattung dieser Kirchen gehört ein Altar, wie es bereits in anderen, älteren Religionen üblich war. Der Altar wurde zum Mittelpunkt der Liturgie, also der Durchführung der Gottesdienste. Seiner Würde entsprechend wird er mit Kerzen, Tüchern (Paramente), Blumen, einem Kreuz und Bildern geschmückt. Die Farben und Symbole der Paramente verweisen auf die jeweiligen Zeiträume im Kirchenjahr. Hier kannst du dich über das Kirchenjahr und die entsprechenden Farben der Paramente informieren https://kirchenjahr-evangelisch.de/
Für den evangelisch-lutherischen Glauben sind ein traditionelles Kirchengebäude und ein gemauerter Altar eigentlich nicht notwendig. Gott kann überall gegenwärtig sein, und das Abendmahl lässt sich ebenso gut an einem einfachen Tisch feiern. Wichtig sind die Zuwendung der Gläubigen zu Gott und die Gemeinschaft untereinander.
Vor langer Zeit ...
Vielleicht hast Du vor einigen Jahren schon einmal die Marienkirche besucht. Dann hast Du sicherlich das Bild auf dem Altar gesehen: Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, umgeben von einem leuchtenden Strahlenkranz. Dabei handelt es sich um das Mittelteil eines sogenannten "Flügelaltars".
Ein solcher Flügelaltar besteht aus einem Mittelteil und zwei beweglichen Seitenflügeln. Das Besondere daran ist: Die Flügel können geschlossen werden. Der Flügelaltar ist also wandelbar.
Warum steht „Flügelaltar“ in Anführungszeichen? Weil der Begriff streng genommen nicht korrekt ist. Der Altar ist der steinerne Tisch, an dem das Abendmahl gefeiert wird. Der sogenannte Flügelaltar ist deshalb genauer betrachtet ein Altaraufsatz. Die Bildtafeln oder Skulpturen auf dem Tisch sind für die Durchführung des Sakraments nicht erforderlich. Sie dienen lediglich der Veranschaulichung religiöser Inhalte. Wissenschaftlich korrekt heißt der Begriff Flügelretabel. Retabel ist die Kurzform des lateinischen „retro tabulum“ – die Tafel, die hinten auf dem Altar steht.
Flügelretabel sind faszinierende Kunstwerke. Sie führen uns zurück in die Zeit des Mittelalters. Damals waren sie in Europa weit verbreitet, sozusagen „in Mode“. Sie erfüllten alle Erwartungen, die die Menschen an das Herzstück des Gottesdienstes – den Altar – hatten. Noch heute eröffnen sie uns tiefe Einblicke in die Handwerkskunst und Wirtschaftsgeschichte des späten Mittelalters.
Das Retabel mit Maria im Strahlenkranz befindet sich heute nicht mehr auf dem Altar. Es "gehörte" dort einfach nicht hin, doch dazu später mehr.
Mitten im Weg
Um in die faszinierende Geschichte der mittelalterlichen Flügelretabel einzutauchen, solltest du ein paar Schritte durch die Marienkirche gehen – vom Altarraum in den Chorumgang. Auf diesem Weg begegnet dir vor den Stufen zum Altarraum ein wuchtiger, raumgreifender Tisch der fast mitten in der Kirche steht. Er wirkt fast wie ein Hindernis, ein unerwarteter Anstoß auf dem Weg vom Haupteingang zum Herzen der Kirche. Bleib doch hier einen Moment stehen.
Auf mächtigen, niedrigen, pfostenartigen Holzstützen ruht eine große Platte, unterteilt in vier Felder - ein Kreuz. Aus ihrer Mitte ragt der Oberkörper eines Menschen hervor, den Blick nach Westen gerichtet. Seine Schultern sind gebeugt, der Kopf leicht geneigt. Die Arme hat er weit vorgestreckt, die Hände geöffnet. Was ist das? Ein Tisch? Eine Skulptur? Vielleicht beides?
Das Werk nennt sich „Abendmahlstisch“. Es ist also der Körper Jesu Christi, der aus dem Tisch emporragt – ein bildgewordenes Abendmahl. Eine ganz andere Darstellung als die des Reliefs.
Seit 1984 feierte die Gemeinde der Marienkirche hier ihr Abendmahl. Sie wünschte sich, bei der Mahlzeit im Kreis zusammenstehen zu können. Man wollte sich anschauen, sich als Gemeinschaft erleben, ganz im Sinne frühchristlicher Gemeinden. Das war an dem frontal ausgerichteten Altar bisher nicht möglich, daher wurde der Nürnberger Bildhauer Heinz Heiber mit einem freistehenden Abendmahlstisch beauftragt.
Der Abendmahlstisch steht dort also genau richtig, wo er steht: mitten im Weg, ein Anstoß, eine Einladung und die Möglichkeit, zusammenzukommen.
Dies ist mein Leib ...
"Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes. Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch; denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt. Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!"
(Evangelium nach Lukas, Kapitel 22, Verse 14-20)
Für einen Moment
Er hat kein Gesicht, kein Merkmal, das ihn als Individuum erkennen lässt, und doch strahlt er eine Persönlichkeit aus: eine milde, selbstlose Hingabe und eine entschlossene Unbeirrbarkeit. Dieser Mensch wankt nicht, grübelt nicht, zweifelt nicht. Die Formsprache des Künstlers ist auf abstrakte, geometrische Formen reduziert, klar in der Aussage. Sie will das Wesentliche darstellen.
Heinz Heiber war ein Bildhauer der Nachkriegsmoderne. Er schuf zahlreiche Werke für Kirchenräume und suchte nach einer modernen religiösen Kunst. Damit teilt er ein großes Anliegen mit Gerhard Marcks, dem Künstler des Kruzifixes über dem Altar: Beide wollten eine zeitgemäße Bild- und Formsprache für die christliche Religion finden. Dies gelang ihnen - für einen Moment in der Geschichte.
Nicht jedem Besucher*in gefällt der Abendmahlstisch von Heinz Heiber. Nicht jeder fühlt sich von der herben, geometrischen Formsprache des Christus angesprochen. Das ist auch gut so und völlig in Ordnung. Kunstwerke spiegeln mit ihrer Bildsprache immer die Zeit ihrer Entstehung wider. Es kann deshalb sein, dass sie nach inzwischen 40 Jahren fremd wirken.
Alle Kunstwerke, die wir heute betrachten, wurden von späteren Generationen irgendwann als nicht mehr zeitgemäß, überflüssig oder gar hässlich empfunden – bis sie schließlich einen historischen Wert erhielten. Genau dieser Wert sichert heute ihren Erhalt.
Wie im wirklichen Leben
Und natürlich spiegelt auch diese Darstellung genau den Zeitgeschmack wider. Es ist der Zeitgeschmack und das religiöse Empfinden des frühen 16. Jahrhunderts. Die Frau ist realitätsnah dargestellt. Ihre Haltung wirkt würdevoll, ihre Kleidung ist aufwendig und modisch geschnitten: viel Stoff, viel Gold. Sie gehört einem hohen gesellschaftlichen Stand an, und sie ist eine Heilige. Sie spielt eine wichtige Rolle in der "Heilsgeschichte", dem göttlichen Plan.
Das wusste jeder, der damals lebte. Die Menschen waren mit den Geschichten aus der Bibel aufgewachsen und lebten mit ihnen. Die Erzählungen von Jesus, seiner Mutter Maria und den dramatischen Begebenheiten aus dem Alten Testament – von David und Goliath, von Daniel in der Löwengrube – diese Geschichten wurden möglichst lebendig in Bildern dargestellt und in geistlichen Spielen aufgeführt. Jede Gläubige sollte wissen: Was in der Bibel steht, ist die Wahrheit – deine Wahrheit.
Die Bilder in den Kirchen zeigten Heilige, die das Böse besiegten, Marienfiguren, die zärtlich das Jesuskind im Arm hielten oder bitterlich um ihren toten Sohn trauerten, den gefolterten Jesus. Für uns mögen viele dieser Darstellungen „naiv“ erscheinen, doch das sind sie keineswegs. In einer Zeit, in der es im Alltag kaum Bilder gab, waren die Kirchen mit ihren zahllosen Heiligenbildern ein Fest für die Augen, eine völlig andere Welt.
Die Flügelretabel spielten dabei eine besondere Rolle.
Wie auf einer kleinen Bühne
Flügelretabel schmückten die Altäre und verliehen ihnen eine wichtige Dimension: Sie machten Glaubensinhalte lebendig und anschaulich. Sie illustrierten biblische Geschichten und Heiligenlegenden.
Noch heute finden sich zahllose Flügelretabel in alten Kirchengebäuden und Museen. Sie erzählen Geschichten, die heute oft kaum jemand kennt.
So auch hier: Wir blicken in das Sterbezimmer Mariens. Maria liegt auf einem Bett, umgeben von den Begleitern ihres Sohnes Jesus Christus. Ein Mann kniet betend vor ihr, ein anderer schwenkt ein Weihrauchgefäß, ein dritter liest aus einem Buch, der Bibel, vor. Sie vollziehen das Sterbesakrament.
Für die Menschen des späten Mittelalters hatte diese Darstellung eine enorme Bedeutung. Sie zeigte ihnen ein "gutes", ein friedliches Sterben im Einvernehmen mit Gott. Was hat der Tod Mariens mit der Funktion des Altars als Ort für Gebete, Segen und vor allem für das Abendmahl zu tun? Welchen Glaubensinhalt vermittelt diese Szene?
Zum einen geht es um die Vorbereitung auf den Tod und die Vorstellung von der Aufnahme der menschlichen Seele in den Himmel. Zum anderen drückt sie die intensive Marienverehrung jener Zeit aus. Maria ist diejenige, die Gott in die Welt brachte. Ihre Lebensgeschichte ist Teil des göttlichen Heilsplans für die Erlösung der Menschheit.
So sind auch die zahlreichen Marienretabel zu verstehen – einschließlich desjenigen mit Maria im Strahlenkranz, das einst auf dem Altar der Marienkirche stand. Auch dieser Altaraufsatz machte christliche Glaubensinhalte sichtbar und feierte die Gnade Gottes. Er bezog sich dabei auf die Lebenswelt der Menschen: Einer der Männer trägt eine Brille.
Prachtvoll
Was für eine Pracht! Viele kleine Figuren tummeln sich auf winzigen Bühnen, die in die Gefache der Schauseite eingebaut sind. Sie erzählen die Lebensgeschichte Mariens. Doch was wir sehen, ist kein buntes, alltägliches Treiben, das uns einfach nur zum Zuschauen einlädt. Die Figuren, die Gegenstände, die Hintergründe und Baldachine sind vergoldet. Noch heute fasziniert uns der warme Glanz des Goldes. Damals, als die Kirchen nur von Kerzenlicht erhellt wurden, muss dieser Glanz regelrecht überirdisch gewirkt haben. Und genau das sollte er auch: Der Blick auf die Festtagsseite des Flügelretabels öffnet uns den Zugang zum Göttlichen.
Dieses eindrucksvolle Flügelretabel hatte zwei Flügelpaare. Am rechten Flügel kannst du einen kleinen Spalt entdecken. Er trennt die inneren Kastenflügel mit den plastischen Figuren von den äußeren Flügeln, die Gemälde zeigen. Manchmal, etwa vor Ostern oder Weihnachten, werden die Flügel dieses Marienretabels geschlossen – ganz so, wie es im Mittelalter üblich war. Dann offenbaren sich die farbenprächtigen Tafelbilder, und du kannst mit deinen Augen regelrecht durch die Geschichte spazieren.
Flügelretabel waren im späten Mittelalter "in". Mit ihrem Klappmechanismus eigneten sich hervorragend um das Geheimnis des Heiligen zu inszenieren. An Sonn- und Festtagen gaben sie den Blick in die himmlische Sphäre frei. An allen anderen "normalen" Tagen sahen die Menschen farbige Malereien, die sich an der Lebenswelt der Menschen orientierten.
Nicht nur einer
Es scheint als hätten wir uns sehr weit von unserem Ausgangspunkt, dem Altar der Marienkirche entfernt. Wir haben auf den letzten Seiten detailreich ausgearbeitete Reliefs aus dem 16. Jahrhundert betrachtet. Ein Zusammenhang mit dem Altar im Chorraum oder gar dem Abendmahlstisch scheint nicht zu bestehen, oder? Ja und Nein. Wir hatten schon festgestellt, dass ein Altaraufsatz wie dieser hier für die Durchführung des Gottesdienstes und des Abendmahls nicht erforderlich war. Er war schmückendes Beiwerk - mit großer Bedeutung. Aber er markiert einen Altar in der Kirche. Auch dieser Altaraufsatz steht auf einem Altar.
Nur EIN Altar in der Kirche? Das war im Mittelalter undenkbar. Neben dem Hauptaltar gab es weitere - Neben- oder auch Seitenaltäre. In der Marienkirche sind beispielsweise für den Beginn des 16. Jahrhunderts 38 Nebenaltäre nachweisbar. Sie befanden sich überall in der Kirche.
Natürlich waren sie nicht wahllos im Kirchenraum aufgestellt. Nebenaltäre befanden sich in den Kapellen der Seitenschiffe und des Chorumgangs aber auch an den Pfeilern des Langhauses. So zum Beispiel auch in der sogenannten Sänger- oder Marientidenkapelle.
Kapellen sind liturgische Räume, die für Andachten und Gottesdienste privat genutzt wurden. Die Marientidenkapelle ist eine Stiftung einer größeren Gruppe Lübecker Bürger, darunter zahlreiche Ratsherren. Sie ist der Verehrung Mariens gewidmet und wurde über mehrere Jahrzehnte reich ausgestattet. Selbstverständlich befand sich ein Altar in der Kapelle. 1518 kam das Marienretabel hinzu.
Meisterwerke
Flügrelretabel sind handwerkliche Meisterleistungen. Das Marienretabel in der Marientidenkapelle ist relativ klein. Aber schau dich gern mal in anderen Kirchen und Museen um, zum Beispiel in der Nikolaikirche in Wismar oder im Museum Schloss Güstrow. Dort sind wirklich große Retabel zu sehen, deren "Spannweite" im geöffneten Zustand mehrere Meter umfasst. Solche Werke wiegen oft viele Zentner. Allein den Mittelschrein und vor allem die Flügel so zu konstruieren, dass sie ihr eigenes Gewicht sowie die eingebauten Reliefs tragen können, ist eine großartige Tischlerarbeit.
Die Reliefs und Figuren sind die Arbeit von spezialisierten Handwerkern, den Bildschnitzern. Die Vergoldung und Bemalung wurde von weiteren Spezialhandwerkern ausgeführt - den Fassmalern. Für ein Retabel wurden also mehrere verschiedene Gewerke benötigt. Sie waren vor allem in den größeren Städten zu finden, zum Beispiel in Lübeck.
Das Marienretabel ist allerdings nicht in Lübecker Werkstätten entstanden, sondern in Antwerpen. Die guten Handelsbeziehungen der Hansestadt ermöglichten solche Importe. Antwerpen war zu jener Zeit eine bedeutende Kunstmetropole, deren Werkstätten qualitativ hochwertige Arbeiten in viele europäische Regionen lieferten.
Wenn du noch tiefer in die Welt der Flügelretabel eintauchen willst, dann schau doch mal auf dieser Website vorbei https://www.kunst-geschichte-kirche.de/vertiefen/ansichten-im-wandel/
Und noch ein Altar ...
Auch im Bereich vor dem Westportal, zwischen den beiden Türmen, befand sich einst eine Kapelle. Die Bergenfahrer-Kompagnie richtete hier ab etwa 1400 ihre private Kapelle für Messen, Totenandachten und Versammlungen ein.
Die Mitglieder der Kompagnie waren Kaufleute, die über den Standort Bergen in Norwegen Handel betrieben. Im Laufe der Jahre statteten sie die Kapelle reich aus. Dazu gehören unter anderem eine Reihe von Steinfiguren, die heute im St.-Annen-Museum zu sehen sind, ein kunstvoll verziertes Gestühl sowie natürlich ein Altar. Dieser war dem Heiligen Olav, dem Schutzpatron Norwegens, geweiht.
Auf dem Altar befand sich ein Altaraufsatz aus dem Jahr 1524, der leider im Jahr 1942 verbrannte. Doch ein anderes Stück ist erhalten geblieben – das ältere Altarretabel, das aus dem beginnenden 15. Jahrhundert stammt. Anfang des 16. Jahrhunderts sollte etwas "moderneres" her. Das alte Flügelretabel wurde durch ein zeitgemäßes ersetzt. Zum Glück wurden die Fragmente des älteren Retabels noch vor 1942 ins St.-Annen-Museum gebracht. Dort kannst du sie heute bewundern.
Übrigens: Das St.-Annen-Museum gleicht einer bis oben hin gefüllten Schatztruhe. Dort findest du unter anderem mittelalterliche Handwerkskunst vom Feinsten sowie Mobiliar aus Lübecker Wohnhäusern verschiedener Epochen https://st-annen-museum.de/
Ein monumentales Denkmal
Lass uns nun einige Jahrhunderte vorangehen in der Geschichte der Altäre und ihrer Aufsätze. Wir machen Halt im ausgehenden 17. Jahrhundert, genauer gesagt im Jahr 1697.
In diesem Jahr wurde ein riesiger Altaraufsatz im Chorraum aufgestellt. Er war 18 Meter hoch und wurde von dem Kaufmann und Ratsherrn Thomas Fredenhagen gestiftet. Fredenhagen hat sich mit dieser Stiftung ein monumentales Denkmal gesetzt, das bis heute an ihn erinnert. Wir sprechen ja immer noch vom "Fredenhagenaltar". Obwohl das ganz und gar falsch ist, denn der Altaraufsatz ist eben kein Altar und der Altar zu dem der Aufsatz gehört ist DER Altar der Marienkirche. Es gab keinen anderen. Denn nun sind wir in der Zeit NACH der Reformation. In der evanglisch-lutherischen Kirche gibt es nur EINEN Altar in einer Kirche. Es ist der Altar, an dem im Abendmahl die Erinnerung an Tod und Auferstehung Jesu gefeiert wird.
Von den ehemals 38 Altären, die alle jeweils mindestens einem Heiligen geweiht waren, ist nur einer geblieben.
Über die Geschichte des "Fredenhagenaltars" und seinen Künstler erfährst du anderer Stelle dieser Website mehr.
Eine neue Bildsprache
Der Fredenhagenaltar ist ein beeindruckendes Werk. Anlässlich der Neugestaltung des Chorraums der Marienkirche in den 1950er-Jahren wurde er abgebrochen. Kaum jemand, der/die heute noch lebt, hat ihn an seinem ursprünglichen Standort gesehen. Wir können nur anhand alter Schwarz-weiß-Fotos erahnen, welche Wirkung er auf den gesamten Kirchenraum hatte.
Damals in den 1950er-Jahren fiel die Entscheidung, den Altaraufsatz abzubauen und einzulagern. Man empfand seine Formsprache als nicht mehr zeitgemäß - zu üppig, zu pathetisch. Dazu erfährts du hiermehr.
Der Fredenhagenaltar ersetzte selbst einen älteren Vorgänger aus mittelalterlicher Zeit. Dieser zeigte eine Reihe von Heiligenfiguren und Reliefs, die im 17. Jahrhundert als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurden. Denn nun hatte sich der evangelisch-lutherische Glaube vollständig in den Ländern und Regionen in Norddeutschland durchgesetzt. Er hatte eine eigene Bildsprache gefunden und ein Schema für den Aufbau von Altaraufsätzen entwickelt.
An dem Prinzip eine aufwendig gestaltete Bildtafel auf dem Altar aufzustellen, hatte man festgehalten. Es konnte ja nicht nachteilig sein, wenn den Kirchgänger*innen die christlichen Glaubensinhalte vor Augen standen, wenn sie der Predigt lauschten oder am Abendmahl teilnahmen. Doch wandeln konnte man diese neuen Altaraufsätze nicht mehr.
Auf Augenhöhe
Martin Luther selbst hatte bereits empfohlen, für Bilder an Altären, wenn sie denn überhaupt sein müssten, nur bestimmte Motive zu verwenden. Dazu gehörten vor allem die Kreuzigung Jesu, das Abendmahl und die Auferstehung. In der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu wird die göttliche Gnade sichtbar. Das Abendmahl veranschaulicht die Begründung der christlichen Gemeinschaft im Glauben an Tod und Auferstehung Jesu. Kein Heiliger, keine Maria übernimmt mehr eine Stellvertreter- oder Vermittlerrolle. Im evangelischen Glauben ist die Beziehung der Gläubigen zu Gott unmittelbar. Und so stehen auch die Figuren des Fredenhagenaltars vor uns - unmittelbar. Auf Augenhöhe.
Während der architektonische Rahmen aus schwarzem und rotem Marmor eingelagert wurde, erhielten die weißen Marmorskulpturen einen neuen Platz im Chorumgang. Die Kreuzigungsszene befindet sich direkt auf der Rückseite des Altars. Auch die Figur des auferstandenen Jesus Christus ist erhalten geblieben: Sie blickt zum Himmel empor und steht zwischen zwei weiblichen Figuren, die Hoffnung und Glauben symbolisieren – zwei zentrale christliche Tugenden. So war es im 17. Jahrhundert üblich.
Die Anatomie der Skulpturen ist realistisch dargestellt. Im Wunsch, den Glauben lebendig zu machen, ähneln sie den Figuren des Marienretabels. Gleichzeitig werden die biblischen Ereignisse idealisiert und aus dem Alltag herausgehoben. Nicht durch eine Vergoldung, sondern durch den weißen Marmor entfalten sie ihre besondere Wirkung.
Über die Bedeutung der verschiedenen Materialien der Kunstwerke in der Marienkirche erfährst du hier mehr.
Ankündigung eines Verrats
Wir hatten oben bereits eine Darstellung des Abendmahls betrachtet. Fast direkt gegenüber dem Steinrelief von 1510/12 ist nun ein weiteres Abendmahl zu sehen. Es handelt sich wieder um ein Relief aus Stein, diesmal jedoch aus Marmor. Es gehört zu den zuvor besprochenen Figuren des Fredenhagenaltars.
Während die Figuren auf dem alten Relief aus dem beginnenden 16. Jahrhundert ruhig und nachdenklich am Tisch sitzen, zeigt sich hier eine andere Szene: Die Männer sind in Bewegung. Sie sitzen nicht still am Tisch, sondern wenden sich einander zu, sprechen miteinander und gestikulieren teilweise aufgeregt. Was ist hier geschehen?
Das Ereignis ist dasselbe wie in der älteren Darstellung, doch der Künstler hebt einen anderen Aspekt des biblischen Geschehens hervor: Er zeigt den Moment, in dem Jesus sagt: "(...) Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich’s?" (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 26, Vers 22)
Was für ein schrecklicher Augenblick für die Begleiter Jesu. Nun wissen sie, dass Jesus an die römische Regierung verraten und hingerichtet werden wird.
Der Bildhauer Thomas Quelliuns gestaltete die Figuren als Flachrelief. Es wirkt, als würden sie sich in ihrer Aufregung aus dem Stein herausdrängen.