Tod und Ewigkeit - Markus Lüpertz

Das Tympanonfenster der Totentanz-Kapelle

Ein kleines Fenster ...

Es ist vom Eingang der Marienkirche aus zu sehen - das Portal der nördlichen Vorhalle. Es liegt dem Haupteingang direkt gegenüber.
Die grün gestrichene Tür öffnet sich nach Norden auf die Mengstraße. Doch nicht für uns. Nicht die Lebenden gehen durch diese Tür aus der Kirche. 
Über der doppelflügeligen Tür ziehen die beiden großen Fenster mit der Darstellung des Totentanzes den Blick auf sich. Der wilde Tanz der Skelette und die still verharrenden Menschen in ihrer altertümlichen Kleidung verlangen Aufmerksamkeit. Allzuleicht übersieht man dabei das kleine spitzbogige Fenster, das direkt über der Tür eingesetzt ist. Dieses Fenster ist bekannt als Tympanon-Fenster. So lautet der architekturhistorische Begriff für ein Bogenfeld über einer Tür - Tympanon. Die Glasmalerei dieses kleinen Fensters wurde von dem bekannten Künstler Markus Lüpertz entworfen und 2002 von ihm auch umgesetzt.

... zu einem großen Thema

Markus Lüpertz schuf ein kleines Bild zu einem großen Thema: Tod. Er schuf es für die alte "Doden-Kapelle". Er variiert das uralte Thema Totentanz - die Begegnung des Menschen mit dem Tod. Diese Bildgattung ist eine Erfindung des Mittelalters. Der Totentanz ist eine Erinnerung an uns alle: Denkt daran, dass ihr sterben werdet. Damit verbunden ist eine Mahnung: Verhalte dich in deinem Leben achtsam und wertschätzend gegenüber deinen Mitmenschen!

In seiner Glasmalerei hat Markus Lüpertz das jahrhundertealte Schema des Totentanzes verlassen. Er nimmt Bezug auf Bibelstellen und christliche Symbole, die die Erwartung des Todes und die Hoffnung auf Erlösung thematisieren. Seine Arbeit befindet sich über der Tür, durch die die Toten aus der Kirche gebracht wurden. Er gibt ihnen und uns, die wir im Leben zurückbleiben, ein eindrucksvolles Bild mit auf den Weg.

Das Glasbild zeigt viele kleine Details, die aus der Ferne nicht gleich erkennbar sind. Beim Näherkommen treten die Einzelheiten deutlicher hervor. Wir wollen sie uns einmal näher anschauen.

Über den Totentanz kannst Du hier mehr erfahren

 

Bitte treten Sie näher!

Die kleine Glasmalerei ist ein Werk, das man am besten aus der Nähe betrachtet. Dann entwickelt sich seine stille Kraft und entfaltet mit Intensität seine ureigene Schönheit. Wir haben uns daran gewöhnt, Bilder aus einem gewissen Abstand heraus zu betrachten. Das hat mit unseren Sehgewohnheiten zu tun, die durch den Impressionismus geschult wurden: Bilder von Claude Monet etwa lassen sich aus der Distanz besser erkennen. Je näher wir herantreten, umso unklarer wird die Form und umso stärker tritt die Eigenwirkung der Farbe hervor. 

Für die Glasmalerei von Markus Lüpertz ist es wichtig, so nahe wie möglich heranzutreten. Dann erst können wir Details sehen, die die Schönheit dieses Werkes ausmachen. Sie führt uns über das Erkennen der dargestellten Gegenstände hinaus. 

Wir treten nun gemeinsam näher und schauen, was uns begegnet.

Wir werden im Folgenden Ausschnitte aus dem Bild betrachten und zwar jeweils mit zwei unterschiedlichen Perspektiven: Zunächst betrachten wir die dargestellten Gegenstände und ihre Beziehungen zueinander. Anschließend schauen wir auf die Mal- und Werktechnik. Dazu wiederholen sich die Bilder. Darunter lesen Sie die Texte aus der jeweiligen Perspektive. Fangen wir mit dem Totenkopf an.

Der Tod - fast im Mittelpunkt 

Er steht fast im Mittelpunkt der Komposition: ein Schädel, ein Totenkopf. Symbol des Todes seit Jahrhunderten.
Der Schädel steht für den verwesten Leichnam. Er spiegelt die Erfahrung des Menschen mit dem Tod. Er ist das, was von einem Menschen übrigblieb und was bis in die Moderne mit ihren veränderten Friedhofsordnungen auch noch sichtbar war - etwa wenn Gräber neu belegt wurden. Ein Schädel gehört zu einem Menschen, einem Verstorbenen. 
Auf Darstellungen mit einer Kreuzigung Jesu ist häufig ein Schädel zu sehen. Er verweist auf den Kreuzigungsort - Golgatha, die Schädelstätte, und ist ein Symbol für den ersten Menschen, Adam.

Ein Totenkopf war dagegen nie ein Individuum. Er ist der Mensch ohne Körperform und Kleidung. Er ist Symbol des Todes, des Unsagbaren, des Unverständlichen - des Geheimnisses. Totenkopf und Skelett gehören zusammen. Bernt Notke und Alfred Mahlau setzten Skelette in Szene, ließen sie ihren makabren, schaurig-amüsanten Tanz aufführen. Dort tanzt der Tod, der alle ergreift.

Der Totenkopf bei Lüpertz verweist nicht auf eine bestimmte Person. Es ist nicht ein Mensch gemeint, sondern der Mensch. Aber und das macht ihn so berührend: Er schaut. Der Totenkopf blickt auf ein Gegenüber.

Der Tod - Pinsel oder Blei?

Mit wenigen Strichen erfasst Markus Lüpertz die Form. Er modelliert die Rundung des Schädels mit wenigen Schattierungen. Für die Ausarbeitung der Form nutzt er verschiedene Arten von Linien: Zum einen setzt er die Bleirute als Kontur ein und zum anderen trägt er mit Pinseln gemalte Linien in unterschiedlicher Stärke auf. Diese ergänzen und erweitern das Lineament der Bleirute und differenzieren den Gegenstand, den Totenkopf, aus. Die Bleiruten selbst beschreiben Kurven. Ihr Verlauf ist unregelmäßig. Die Flexibilität des weichen Metalls macht dies möglich.

Insgesamt entsteht ein skizzenhafter Eindruck, der der Technik der Bleiverglasung völlig widerspricht. Pinselstriche und Bleilinien vereinen sich zu einer lebhaften Zeichnung. Es ist nicht immer deutlich, ob es sich um eine reine Zeichnung oder um die für den Zusammenhalt der Glasscheiben notwendige Bleirute handelt. Markus Lüpertz erweist sich in seinem Spiel mit den technischen Bedingungen der traditionellen Glasmalerei als Meister dieser Technik. Er erweitert deren Möglichkeiten. 

im Blick - Taube oder Rabe?

Der Totenkopf blickt mit seinen gar nicht leeren Augenhöhlen auf den Vogel ihm gegenüber. Was mag das für ein Vogel sein? Ein Rabe? Eine Taube? In der Bibel begegnet uns die (weiße) Taube unter anderem als Friedenstaube. In der berühmten Geschichte von der Arche Noah ist es die Taube, die nach mehrmaligem Ausfliegen einen Ölzweig auf das Schiff zurückbringt, um Noah und seiner Familie zu signalisieren: Es ist Land in der Nähe. Die Flut geht zurück. Der Regenbogen spannt sich auf. Gott reicht den Menschen seine Hand zur Versöhnung.

Die Taube auf diesem Bild ist aber nicht weiß. Wenn wir wieder in die Geschichte der Arche Noah schauen, dann ist auch von einem Raben die Rede. Er ist der erste Vogel, der auf der Suche nach Land ausfliegt. Er sucht ... und sucht und findet nicht. Taube der Versöhnung oder suchender Rabe? Eine einfache Antwort gibt es hier wohl nicht. 

Genausowenig, wie im Hinblick auf den grünenden Zweig zwischen Tod und Taube/Rabe. Ist es ein Ölzweig, wie in der Geschichte von der Arche Noah beschrieben? Oder doch ein Rosenzweig mit Dornen? Die Rose ist ein altes christliches Symbol. Sie weist mit ihren roten, duftenden Blüten und den stechenden Dornen auf das Leiden und den Tod Jesu hin. Sie ist aber auch ein Symbol für Maria.
Also, was jetzt? Um Eindeutigkeit geht es dem Künstler nicht. Er spannt einen weiten Raum der Deutungsmöglichkeiten auf. Und dieser muss nicht christlich geprägt sein. In vielen Kulturen ist die Taube als Symbol für die Seele bekannt.

Hier kannst du die Geschichte von der Sintflut und der rettenden Arche Noah nachlesen: https://www.bibleserver.com/LUT/1.Mose6

im Blick - ein starkes Gegenüber

Am Schnabel der Taube ist noch einmal gut zu erkennen, dass Lüpertz zwischen Bleirute und Pinselstrich nicht unterscheidet. Es ist aus der Logik der Technik heraus nicht erklärlich, warum der vordere Teil des Schnabels nicht auch durch Bleiruten geformt ist. Dies ist nur künstlerisch zu verstehen: Der gezeichnete Schnabel passt sich besser in das Bild des grünenden Rosenzweiges ein. Der Zweig ist auf einer einzigen unregelmäßig geformten Scheibe gemalt. Der Pinselstrich ist skizzenhaft, die Blätter durch wolkenähnliche Formen und grüne Akzente angedeutet. Ein durch eine massive Bleirute gestalteter Schnabel hätte diese zarte Harmonie gestört, ja bedrängt.

Anders als bei dem Totenkopf hat Lüpertz das Auge des Vogels durch eine Bleirute eingefasst. Überhaupt gestaltet er den Vogelkörper durch die Verwendung zahlreicher Bleiruten massiver als den Totenkopf. Diese Bleiruten treten in der Betrachtung aus der Nähe plastisch hervor.
Nicht zuletzt durch die schwarze Farbe ist er ein Gegengewicht zum Symbol des Todes.

Starke Symbolik ...

Gegenstände und Figuren können in den Werken von Markus Lüpertz leicht erkennbar oder auch abstrahiert sein. In diesem Bildausschnitt sehen wir auf der rechten Seite einen Fisch und auf der linken Seite eine blaue Form. Der Fisch ist sehr gut zu erkennen, vielleicht können wir ihn als Dorsch identifizieren. Es scheint sogar eine charakteristische Forum der Schuppen wiedergegeben zu sein. Fragt sich nur, was ein Dorsch in einem Kirchenfenster zu suchen hat. - Der Fisch ist ein uraltes Symbol für Jesus. Am Symbol des Fisches haben sich die frühen Christen während der Zeit der Verfolgung gegenseitig erkannt.

Die blaue Form ist auf den ersten Blick allerdings nicht so leicht erkennbar. Statt einen Gegenstand zu erkennen, sind wir eingeladen zu assoziieren - woran erinnert mich die Form? Die leuchtend blaue Farbe legt nahe: Wasser. Vielleicht handelt es sich um ein Gefäß?
Der christliche Glaube hält für Wasser und Krug gleich zwei Deutungen parat: Das Wasser der Taufe oder das Wunder der Wandlung von Wasser in Wein. Wasser und Wein (Symbol für das Blut Jesu) sind im Christentum Symbole für Erlösung - durch die Taufe und durch das Blut Jesu. Markus Lüpertz stellt ein leuchtendes Blau und ein kräftiges Rot nebeneinander.

Hier kannst du die Geschichte von der Wandlung von Wasser in Wein nachlesen: https://www.bibleserver.com/LUT/Johannes2%2C1

Hier kannst Du die Geschichte von der Taufe Jesu nachlesen: https://www.bibleserver.com/LUT/Matth%C3%A4us3%2C13
In dieser Geschichte ist übrigens auch von einer Taube die Rede - von der Taube des Heiligen Geistes.

und starke Kontraste 

Markus Lüpertz kennt sich gut aus in der Bibel, mit der Symbolik des Christentums und der christlichen Kunst. Er hat auf kleinstem Raum zentrale Glaubensinhalte zusammengestellt, ja, konzentriert. Das ist ganz schön viel "Insider"-Wissen. Davon kann einem richtig schwindelig werden. 
Darum richten wir unseren Blick jetzt wieder auf das, was unsere Augen sehen. Auf das, was wir alle sehen - egal ob wir uns in der Bibel auskennen und im christlichen Glauben zuhause sind oder nicht.

Wir schauen noch einmal auf die Bleiruten. Wie Lüpertz mit ihnen umgeht, ist einfach faszinierend. Wir hatten gesehen, dass Markus Lüpertz sie behandelt, als wären sie Pinselstriche. Für die Gestaltung des Fisches und der blauen Form legt er sie dagegen in Kreisen und Schlaufen, als wären es Fäden aus Wolle. Sie sind unterschiedlich dick und leuchten, als wäre sie auch Bronze. Diese Bleiruten sind nicht Mittel zum Zweck, sie sind ein zentrales künstlerisches Element der Arbeiten Lüpertz. Sie treten auch plastisch deutlich hervor. Das ist besonders gut in der Ansicht von unten zu sehen. In der Frontalansicht oder aus der Entfernung wird die plastische Qualität der Bleiruten nicht deutlich. Sie wirken dann wie Linien.

Kleine Flammen - große Erwartungen

Im oberen Teil des Fensters, eingeschrieben in den Spitzbogen, sind mehrere kleine Flammen zu sehen. Sie sind unregelmäßig über die Fläche verteilt. Was bedeuten sie?

Um diese Flammen zu verstehen, müssen wir erneut in die Bibel schauen, und zwar in ihr letztes Buch. Dort hat der Autor Johannes seine Vision vom Ende der Welt und von der Wiederkunft Christi festgehalten. Gleich zu Beginn heißt es: „Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch (...). Und ich wandte mich um, um nach der Stimme zu sehen, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter.“ Weiter heißt es: „Mitten unter den Leuchtern war einer, der einem Menschensohn glich. Er war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt und sein Haar waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme (...). Sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.“ (Offenbarung des Johannes, Kapitel 1) Johannes schreibt diese Vision für die frühen christlichen Gemeinden im römischen Reich. Sie ist ein erseh­nter Ausblick auf das Himmlische Jerusalem, auf das Reich Gottes und auf die Auferstehung der Toten. Die sieben Leuchter symbolisieren die Erfüllung des Wortes Gottes und die Auferstehung.
Nun wird verständlich, warum Markus Lüpertz die Flammen unregelmäßig auf der Bildfläche verteilt hat. Sie wirken wie Laternen, die nach oben streben, oder – im übertragenen Sinne – wie Seelen, die in den Himmel schweben.

Im zweiten Abschnitt des Zitats aus der Offenbarung heißt es, dass die Leuchter „einen Menschensohn“ umgeben. Er ist gekleidet in ein langes Gewand mit goldenem Gürtel. Sein Kopf und sein Haar leuchten weiß wie Schnee. Geh nun noch einmal zurück in die Mitte der Marienkirche und schau auf das große Fenster über dem Westportal, das Hans-Gottfried von Stockhausen gestaltet hat. Ganz oben siehst du eine solche weiß leuchtende Gestalt. Die Szene stellt die Auferstehung der Toten dar. Markus Lüpertz hat in seiner Glasmalerei also nicht nur Bezug genommen auf die Totentanz-Kapelle, sondern auf den gesamten Kirchenraum.

Glassorten 

Markus Lüpertz hat die Flammen unregelmäßig über die Fläche verteilt. Es wirkt, als würden sie wie kleine Laternen in der Luft schweben. Sie sind umgeben von transparenten Glasscheiben, deren Formen annähernd rechtwinklig sind. Sie verstärken den Eindruck des Aufwärtsstrebens. Lüpertz setzt also nicht nur die Bleiruten ein, um Dynamik in das Bild zu bringen, auch die Form der Glasscheiben kann in unserer Wahrnehmung Bewegung erzeugen.

Und dann fällt noch eine andere Besonderheit auf und die gehört zu den charakteristischen Merkmalen von Lüpertz Glasmalerei: Er verwendet nicht nur mundgeblasenes Echtantikglas, sondern auch industriell hergestellte Scheiben, die zum Beispiel im Sanitärbereich oder in Industrieanlagen eingesetzt werden. Das ist ein Bruch mit den Traditionen der Glasmalerei: Statt den Glasscheiben durch aufwendige künstlerische Techniken raffinierte Oberflächenstrukturen zu geben, setzt Lüpertz Sichtschutzglas und gitterverstärkte Scheiben ein. Dadurch erreicht er eine wirklich spannende Strukturierung der Bildoberfläche.

Über Echtantikglas erfährst du hiermehr.

 

Das große Ganze

Wir haben bisher viele Details betrachtet, nun ist es an der Zeit, das große Ganze in den Blick zu nehmen. Schauen wir uns an, wie Markus Lüpertz die einzelnen Bildelemente angeordnet hat, wie er das Bild komponiert. Denn zufällig ist hier nichts.

In der Mitte zieht der Totenkopf sofort unsere Aufmerksamkeit auf sich. Er ist gewissermaßen der „Tonangeber“, der Titelträger. Mit ihm im Dialog steht auf Augenhöhe die Taube mit dem Rosenzweig. Sie sind Symbole der Versöhnung, der Liebe, des Suchens und des Schmerzes. Sie ergänzen das Bildthema.
Die untere Bildzone wird durch den großen Fisch gebildet, der nicht nur aus dem markanten roten Kopf besteht. Sein Schwanz zieht sich bis in die mittlere Bildzone hinauf. Das blaue Wasser links, eine grüne Form rechts und eine riesige Schnecke beziehungsweise ein Ammonit bilden das Fundament, die Basis und die Rahmung für den Dialog von Tod und Taube. Sie sind Symbole für den Ursprung des Lebens – im christlichen und im naturwissenschaftlichen Sinne – und Zeichen der Unvergänglichkeit des Lebens an sich. Die Schnecke wagt sich im Frühling wieder aus ihrem Häuschen hervor. Der versteinerte Ammonit ist Zeuge der Entwicklung des Lebens.
Die obere Bildzone ist farblich mit der mittleren verbunden. Die Flammen der Auferstehung züngeln über dem Totenkopf auf. Der Tod ist die Voraussetzung für die Hoffnung auf Auferstehung. Sie setzen ihn voraus.

Eine eindeutige Aufschlüsselung aller Symbole, Zeichen und Bildelemente lässt das Bild, lässt der Künstler nicht zu. Zu vielfältig sind die Anspielungen, zu vielschichtig die verwendeten Symbole. Vielleicht verhält es sich mit diesem Bild wie mit einem guten Buch oder einem guten Film: Je nachdem, in welcher Phase unseres Lebens wir es betrachten, hält es neue, passende Antworten für uns bereit. Es begleitet uns durch die Fragen unseres Lebens.

Mit dem Tod tanzen ...

Die Geschichte begann im Jahr 2001 mit einer großzügigen Stiftung und einer Idee: Warum nicht das Tympanonfenster über dem Portal der Totentanz-Kapelle künstlerisch gestalten lassen? Gesagt, getan. Viele Lübecker beteiligten sich an der Umsetzung dieser Idee. Die Verbindungen zur Kunstszene wurden genutzt und führten zum Erfolg: Einer der bekanntesten und zugleich provokantesten deutschen Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reiste nach Lübeck und zeigte sich begeistert.
Markus Lüpertz, Bildhauer und Maler, Grenzgänger zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, lieferte nicht nur sehr schnell einen Entwurf für das Fenster, sondern auch eine moderne Interpretation aller Figuren des alten Totentanzes. Damit schuf er für einen Moment eine beeindruckende Atmosphäre, in der Gegenwart und Vergangenheit unmittelbar aufeinandertreffen. In dieser temporären Installation machte Lüpertz deutlich, dass das Thema Totentanz in der Kunst nichts von seiner Bedeutung verloren hat.
Seit dem Mittelalter haben sich zahlreiche Musiker und bildende Künstler von der Faszination mitreißen lassen, mit dem Tod „zu tanzen“ und die Tiefen sowie Untiefen dieses Reigens zu erforschen. Künstler wie Hugo Distler, Herwich Zens und Markus Lüpertz haben in und für Lübeck zeitlose Werke geschaffen.

Übrig geblieben ist das Tympanonfenster von Markus Lüpertz – ein „Geniestreich“ von höchster symbolischer Dichte, künstlerischer Kraft und technischer Innovation. Klein, aber oho, könnte man sagen.