Neue Wege der Glasmalerei

Hans Gottfried-Stockhausen

Glasmalerei in der Nachkriegszeit

Nach dem Krieg gab es zahlreiche Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen für zerstörte historische Kirchengebäude. Wie bei der Lübecker Marienkirche stand der Erhalt beziehungsweise der Wiederaufbau der historischen Bausubstanz im Vordergrund.
Im Rahmen dieser Wiederherstellungsmaßnahmen galt den Fenstergestaltungen große Aufmerksamkeit. Sie konnten als Tor dienen, durch das zeitgenössische Kunst in die Kirchen Einzug hielt. Die Glasmalereien konnten religiöse Inhalte darstellen ohne zu sehr in die Kirchenraumgestaltung einzugreifen und im liturgischen Geschehen (Gottesdienst) sichtbar zu sein. Moderne abstrakte oder figurative Formsprachen wurden hier oft eher akzeptiert als an Altären, Kanzeln oder Taufbecken.

Für das erste Glasfenster mit eindeutig christlichen Motiven und Bezug zur Liturgie konnte die Kommission zum Wiederaufbau der Marienkirche einen der bedeutendsten Glasmalereikünstler der Nachkriegszeit gewinnen: Hans-Gottfried von Stockhausen.

Geschichte und Gegenwart

Den ersten Entwurf erarbeitete von Stockhausen im Jahr 1958. Dabei setzte er sich von Anfang an mit den Totentanzfenstern von Alfred Mahlau sowie der Chorraumgestaltung von Denis Bonvier auseinander. Seine Fenstergestaltung sollte sich in Gliederung, Farbgebung und Motiv harmonisch in den Kirchenraum einfügen.

Die Herausforderung der modernen Kirchenglasmalerei besteht darin, einen Spannungsbogen zwischen dem historisch Überlieferten und einer modernen Bildsprache zu schaffen, die das aktuelle Glaubensverständnis anschaulich macht. Hans-Gottfried von Stockhausen knüpfte in seinen Entwürfen an die alte Tradition der Weltgerichtsdarstellungen an, wie sie in den Westportalen der Kathedralen zu finden sind.

Der vierte Entwurf wurde schließlich realisiert. Er zeigt drei Kreise mit zentralen Aspekten der traditionellen Ikonografie des Weltgerichts: den Kampf des Erzengels Michael gegen das Böse, die Auferstehung der Toten und Christus als Weltenrichter. Die Kreise verschmelzen miteinander, wodurch sich der Künstler bewusst von der historischen Fensterstruktur löste. Lediglich die untere Szene sowie der Weltenrichter mit den Engeln oben werden von den Pfosten und Windeisen eingerahmt.

Hier erfährst du mehr über die Totentanzfenster von Alfred Mahlau und hier über die Chorraumgestaltung.

Aus der Distanz

Die kleinteilige Komposition erschwert die Lesbarkeit der Motive. Was für die Betrachter*innen nachteilig wirkt, ist vom Künstler jedoch bewusst gewählt: Nicht das Motiv, sondern das Licht trägt die Botschaft in den Raum.
Das galt auch für die mittelalterliche Glasmalerei. Die Kirchenfenster befinden sich immer in einer natürlichen Distanz zu den Besuchenden. Daher ist es von vornherein nicht immer möglich, die Motive im Einzelnen zu erkennen. Das war jedoch auch nicht entscheidend. Viel wichtiger war, dass die Heiligen überhaupt dargestellt wurden, denn man war überzeugt, dass in den Bildern die Heiligen selbst anwesend seien.

Diese Auffassung entspricht nicht mehr unserem heutigen Verständnis von Bildern. Doch in der Kirchenglasmalerei hat sich etwas davon erhalten: Das Licht, das durch die Fenster fällt und die Malereien zum Leuchten bringt, sie sichtbar in den Raum treten lässt, gilt nach christlichem Verständnis als das Licht Gottes. Deshalb ist es letztlich nicht entscheidend, ob und wie viele Details wir im großen Fenster erkennen und benennen können. Wichtiger ist das Licht, das die Farben erstrahlen lässt.

Nun wollen wir uns dennoch die Fotografie zunutze machen, um das Fenster und seine Motive näher zu erkunden.

Eine Lichtgestalt

Als Erstes fällt die Figur im unteren Fensterabschnitt ins Auge. Sie leuchtet weiß und ist diagonal in eine Kreisform eingesetzt. Es scheint, als führe sie eine Lanze. Stockhausen gestaltet aus der verlängerten Figur und der Lanze ein spitzwinkliges Dreieck und vermittelt damit höchste Dynamik.

iese Lichtgestalt ist der Erzengel Michael. Er hat seine Lanze erhoben, um damit einen vernichtenden Schlag gegen den Drachen auszuführen, der unter ihm liegt. Das Ergebnis des Kampfes ist für uns Betrachter sofort klar, denn der Künstler lässt keinen Zweifel daran: Hier stößt das Gute das Böse in den Abgrund.

Der Kampf Michaels ist ein uraltes Motiv im Judentum und Christentum. Er stammt aus der apokalyptischen Literatur und ist eng mit Vorstellungen vom Ende der Welt verbunden. Im Mittelalter waren dem Heiligen Michael oft Kapellen auf der Westseite großer Kirchen geweiht.

Ein Erzengel ist übrigens ein Engel, der besonders nahe bei Gott steht. Er überbringt göttliche Botschaften. Ein weiterer Erzengel ist Gabriel, der Maria die Botschaft von der Geburt Jesu verkündet (Evangelium nach Lukas, Kapitel 2). Die Vorsilbe „erz-“ bedeutet „der Oberste“ beziehungsweise „der Ranghöchste“.

Der Kampf gegen das Böse

Unter dem Erzengel Michael krümmt sich der Drache – eine Personifikation des Bösen schlechthin. Hans-Gottfried von Stockhausen verleiht ihm keine klare Gestalt. Er besteht aus einer Reihe parallel verlaufender, schwarzer und weißer gerader Linien. Grau-melierte, an Fell erinnernde Formen bilden einen rudimentären Körper. Das aufgerissene Maul ist erst bei näherem Hinsehen zu erkennen.

Der Drache ist in eine nach unten geschlossene Kreisform eingebunden. Wir sehen: Er kann nicht entkommen. Sein Schicksal ist besiegelt.
Diese Darstellung illustriert eine Stelle aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, Kapitel 12, Verse 7 bis 9:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und er siegte nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“

Dieser Kampf des Guten gegen das Böse wird häufig im Rahmen des Jüngsten Gerichts an den Westportalen mittelalterlicher Kathedralen dargestellt. Glasmalereien sowie Skulpturen und Reliefs am Westportal zeigen Christus als Weltenrichter, die Auferstehung der Toten und den Heiligen Michael.

Das Motiv des Drachenkampfes war im Mittelalter jedoch nicht auf den Erzengel Michael beschränkt. In der Gestalt des Heiligen Georg, der gegen den Drachen kämpft und eine Prinzessin befreit, nimmt es legendenhafte, ja fast märchenhafte Züge an.

Die Offenbarung des Johannes ist ein faszinierendes und berührendes Buch. In seiner gewaltigen Spannung zwischen Angst und Hoffnung regt es seit Jahrhunderten die Fantasie der Menschen an. Hier kannst du die Bibelstellen nachlesen und natürlich weiterlesen:https://www.bibleserver.com/LUT/Offenbarung12

Die große Hoffnung

Im oberen Teil des Fensters, an der Spitze einer sich aus einer herzförmigen Fläche empor türmenden Form, ist eine menschenähnliche Gestalt zu erkennen. Sie ist, wie auch die anderen Figuren, abstrahiert dargestellt und vollständig weiß. Ihr Kopf wird von einer hellblauen, eckigen Form umgeben – einer modernen Darstellung des Heiligenscheins.

Diese Figur verkörpert ganz und gar den Geist. Es ist Jesus Christus, der Auferstandene, der in den Himmel aufgefahren ist. Vor ihm sind vier geflügelte Figuren zu sehen, die den Eindruck erwecken, sich nacheinander zu erheben. Während die unterste Figur ein deutlich erkennbares Gesicht besitzt, verlieren die weiteren Figuren nach und nach ihr individuelles Antlitz.
Von Stockhausen thematisiert in diesem Bildabschnitt das uralte Motiv der Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag. Nach christlichem Verständnis ist dies der Tag der Wiederkunft Christi und des göttlichen Gerichts, an dem über das ewige Leben oder die Verdammnis der Seelen entschieden wird.
Er nutzt die Möglichkeiten einer abstrakten Form- und Farbsprache, um den Übergang vom erdgebundenen Grab zum ewigen Leben in Gott darzustellen. Dem Erleben von Leid und Tod, verkörpert durch das Kruzifix im Chorraum, stellt er eine bildliche Verheißung auf das ewige Leben gegenüber, verbunden mit der Mahnung an das Jüngste Gericht. Auch die Totentanz-Thematik wird hier also wieder aufgegriffen.

Kleinste Elemente

Hans-Gottfried von Stockhausen zerlegt die Motive in kleine und kleinste Elemente. Dies entspricht der traditionellen musivischen Technik der Glasmalerei. Allerdings variiert die Größe der farbigen Scheiben stark.
Bei ihm sind weder die Scheibengröße noch die Scheibenform technischen Bedingungen untergeordnet, wie es etwa in der mittelalterlichen Glasmalerei der Fall war. Er wählt sie bewusst aus, um die inhaltliche Aussage des Bildes zu unterstreichen.

Überwiegend verwendet er unregelmäßige rechteckige Formen. Ihre Konturen werden bei den zentralen Motiven einerseits durch dicke Bleiruten betont, andererseits durch eine Verdunkelung der Farbe zum Rand hin abgeschwächt.

Die Scheiben, aus denen sich der Hintergrund zusammensetzt, sind querrechteckig angeordnet. Sie sind einfacher konturiert und heller in der Farbgebung. So rahmen sie das große Bildmotiv.

Hans-Gottfried von Stockhausen zeigt sich in diesem Werk als ein Künstler der Nachkriegszeit, der die künstlerischen Möglichkeiten der Glasmalerei im Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion auslotet. auslotet.

Ein vielfältiger Künstler

Auch in der Farbgestaltung orientiert sich von Stockhausen am mittelalterlichen Farbkanon: Rot, Blau, Grün und Gelb prägen die Komposition. Ikonografisch bedeutende Stellen sind weiß hervorgehoben und „blitzen“ bei hellem Licht auf.
Ähnlich wie bei seinem „Gloriafenster“ in der Hamburger Katharinenkirche (1956) setzt Stockhausen helle Lichtpunkte gegen dunkle Bereiche, die vom gelb-rötlichen Licht der untergehenden Sonne intensiviert werden.

Das Westfenster der Marienkirche entstand zeitgleich mit von Stockhausens Fenstern in der Katharinenkirche. In Norddeutschland sind mehrere Glasmalereien von ihm zu sehen. Sie entstanden in einem Zeitraum von den 1950er-Jahren bis in die 2000er-Jahre. Seine Bildsprache hat sich im Lauf der Jahre stark verändert. Die kleinteilige Zersplitterung der Werke der Nachkriegszeit geht später über in eine weiche an Marc Chagall erinnernde figürliche Zeichnung. Er verwendet dann auch Schrift in den Glasmalereien und verfeinert seine vielfältigen Techniken zur Bearbeitung der Echtantik-Glasscheiben.

Es lohnt sich entweder virtuell oder ganz real seinen Spuren zu folgen, zum Beispiel auf dieser Website https://sh-kunst.de/kuenstler/von-stockhausen-hans-gottfried/

Farbenspiel

Die funkelnde Magie des Fensters wird besonders deutlich, wenn helles Sonnenlicht das Glas durchstrahlt und farbige Reflexionen die Mauern des Turms umspielen. Leider ist dies nicht immer der Fall.

Das „norddeutsche Einheitsgrau“ bietet wohl die schlechtesten Voraussetzungen, um die Wirkung des Fensters im Kirchenraum zu erleben. Sonnige Tage und die tiefstehende Sonne eines klaren Sonnenuntergangs eignen sich dagegen besonders gut. Dann zeigt sich das Fenster in seiner ganzen Pracht, und die Motive treten klarer hervor. Sie werden lesbar.

Das Wetter können wir jedoch nicht beeinflussen. Bei der Urlaubs- und Ausflugsplanung sind wir meistens auf meteorologische Vorhersagen angewiesen und von den Bedingungen am Arbeitsplatz sowie von finanziellen, gesundheitlichen und familiären Umständen abhängig.
So bleibt bei der Betrachtung des Westfensters der Marienkirche ein gewisser Anteil Zufall, eine Fügung, die wir nicht steuern können. Das ist wie im wirklichen Leben und einer der faszinierenden Aspekte der Kirchenfenstermalerei