Das Kreuz
Symbol des Christentums
Überall in den Kirchen
In jeder christlichen Kirche und in jeder christlichen Gemeinde begegnet uns das Kreuz – entweder als einfaches Symbol in Form gekreuzter Balken oder als Darstellung des gekreuzigten Jesus.
Früher war es üblich, den gekreuzigten, toten Jesus darzustellen. Diese Kruzifixe fanden sich als Reliefs, Malereien oder Stickereien auf den verschiedensten Ausstattungsstücken überall in den Kirchen. Auf Kanzeln, Altären, Wandmalereien, Taufbecken, liturgischen Gewändern und vielem mehr erzählten sie die Geschichte der Kreuzigung Jesu – als Ereignis mit vielen Betroffenen und Schaulustigen oder in der reduzierten Form mit nur drei Personen als zentrale theologische Aussage.
Besonders in alten Kirchen, deren Ausstattung über Jahrhunderte gewachsen ist, sind noch häufig große Kreuze mit dem oft lebensgroßen Körper des Gekreuzigten zu finden. Ihr ursprünglicher Platz befindet sich im Übergang zwischen Langhaus und Altarraum. Dort markieren sie den Zugang zum Altar und zu seinem Sakrament, dem Abendmahl. Sie verweisen auf den Tod Jesu und die Gnade Gottes. Gott hat seinen Sohn für die Erlösung der Menschen hingegeben.
Für unser heutiges Verständnis wirken diese Darstellungen möglicherweise fremdartig und brutal. Man möchte den geschundenen Körper abnehmen, ihn beerdigen und so vor neugierigen Blicken schützen. In vielen modernen Kirchen wird auf ein Kruzifix verzichtet. Das Kreuz trägt seine Botschaft trotzdem in sich. Es ist ein Zeichen der Vergebung und der Überwindung des Todes.
Kruzifix kommt aus dem Lateinischen. Es bedeutet "der ans Kreuz geheftete".
Ein erfolgreiches Logo
Das Kreuz war nicht von Anfang an das Symbol der christlichen Gemeinde. Diese Gemeinde bildete sich im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten langsam heraus.
Die Menschen suchten nach dem, was sie im Glauben verband, doch sie stritten auch über Themen. Wie sollten die Ereignisse um den Tod Jesu gedeutet werden? Was bedeuteten das leere Grab, die Auferstehung und die Himmelfahrt? Wie waren die Texte zu verstehen, die fromme und gelehrte Zeitgenossen über das Leben und Sterben Jesu geschrieben hatten? Es bedurfte klarer Entscheidungen darüber, was der wahre Glaube an Gottvater, Jesus und den Heiligen Geist sei.
Im Mittelpunkt stand zunächst die Feier des gemeinsamen Mahls als Erinnerung an Jesus. Nach und nach entstanden weitere Riten. Man musste festlegen, wer zur Gemeinschaft gehörte. So entwickelte sich der Ritus der Taufe. Man legte fest, woran geglaubt werden sollte – das Glaubensbekenntnis entstand.
Das Christentum, wie wir es heute kennen, hat sich in einem langen, sehr langen und bis heute andauernden Prozess entwickelt und verändert. Neben theologischen Aussagen, Debatten über die Auslegung biblischer Texte und der Entwicklung von Ritualen gehörte auch die Entstehung einer eigenen Bildsprache und von Symbolen dazu.
Symbole sind Erkennungszeichen und bildhafte Zusammenfassungen komplexer Inhalte.
Das Kreuz, als Zeichen für den Tod Jesu, die Vergebung der Sünden und die Hoffnung auf Auferstehung, entwickelte sich gemeinsam mit der christlichen Gemeinde und verbreitete sich mit ihr in der Welt. Es wurden zum Erkennungszeichen all derjenigen, die sich zu Jesus Christus bekennen und schließlich zum Symbol für "die" Kirche. Es ist wohl das älteste und erfolgreichste „Logo“, das es je gegeben hat.
Jesus der Christus
Die Kreuzigung Jesu ist seit jeher eines der am häufigsten dargestellten Motive in christlichen Kirchen. Mit der Einführung der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde sie in den evangelischen Kirchen jedoch zum zentralen Bildthema. Das ist nicht verwunderlich, denn der Reformator Martin Luther forderte eine Rückkehr zur ursprünglichen Ausrichtung des christlichen Glaubens auf Jesus Christus als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Für ihn galt das Prinzip „solus Christus“ – allein Christus –, ebenso wie „sola scriptura“ – allein die Schrift. Die Gläubigen sollten sich an den Berichten der Evangelien über das Leben Jesu und an den frühen theologischen Schriften der Bibel orientieren.
„Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“, heißt es beispielsweise im 1. Brief des Timotheus (Kapitel 2, Vers 5). In diesem Glaubensverständnis hatte die Verehrung und Anrufung unzähliger Heiliger, wie sie im Mittelalter üblich war, keinen Platz mehr.
Auf den Altaraufsätzen waren nun keine Heiligen mehr zu sehen, sondern ganz bestimmte biblische Ereignisse, die den Weg des Menschen zur göttlichen Gnade ermöglichen: die Kreuzigung Jesu, die Auferstehung Jesu, die Himmelfahrt Jesu und das Abendmahl. Martin Luther selbst hatte diese Bildauswahl empfohlen. Und so finden wir auf dem alten Fredenhagen-Altar, dessen Figuren im Chorumgang zu sehen sind, die Darstellungen der Kreuzigung Jesu mit Maria und Johannes, das Relief des Abendmahls und einen auferstandenen Christus.
Übrigens: Christus ist nicht der Nachname von Jesus, sondern ein Hoheitstitel. Christus bedeutet "der Gesalbte".
Beistand
Im Zentrum des Fredenhagen-Altars befand sich eine Kreuzigungsgruppe. Das ist ein feststehender Begriff in der Kunstgeschichte.
Eine Kreuzigungsgsruppe zeigt den gekreuzigten Jesus Christus, links neben ihm Maria, seiner Mutter. Auf der rechten Seite steht Johannes, sein Lieblingsjünger. Nach dem Bericht des Evangelisten Johannes sollen sie bei der Hinrichtung anwesend gewesen sein. Johannes schreibt: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter (...). Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! (...).“ (Evangelium nach Johannes, Kapitel 19, Verse 25–27).
Maria und Johannes gehören zu den wenigen, die in der Todesstunde bei Jesus geblieben sind. Man muss sich vorstellen, dass dieses Bekenntnis in der damaligen Zeit die Gefahr barg, ebenfalls als „Aufrührer“ verdächtigt und festgenommen zu werden. Doch Johannes und Maria scheuten dieses Risiko nicht. Sie gelten bis heute als treue Begleiter und als Identifikationsfiguren für die Gläubigen. Sich in ihre Trauer um Jesus einzufühlen und teilzuhaben an dem tiefen Schmerz ist seit Jahrhunderten Kern christlicher Andacht.
Die Figuren des Fredenhagen-Altars entstanden 1697. Der Künstler Thomas Quelliuns inszenierte die Trauer der Figuren mit verhalten dramatischen Bewegungen. Trotz ihrer Verzweiflung sind ihre Gesichter nicht verzerrt, sondern wirken gefasst. Johannes und Maria sind körperlich wohlproportioniert – ebenso wie Jesus. Sein muskulöser Körper erinnert nicht an eine auszehrende Folter, Demütigung oder grenzenlosen Schmerz. Vielmehr sehen wir auf den Körper eines Gottes: makellos, schön und überirdisch strahlend in seiner Haut aus weißem Marmor.
Anknüpfen an mittelalterliche Traditionen
Diese Kreuzigungsgruppe befand sich früher im mittleren Teil des Altaraufsatzes. Sie erhob sich über dem Altar und markierte den Ort, an dem das Abendmahl zur Erinnerung an Tod und Auferstehung Jesu gefeiert wurde.
An dieser Stelle steht heute immer noch ein Altar, jedoch ohne Altaraufsatz. Wie wir bereits gesehen haben, stieß der üppige barocke Altaraufsatz mit seinen dramatisch inszenierten Figuren nach dem Zweiten Weltkrieg auf wenig Gegenliebe und wurde abgebaut. Stattdessen ließ man einen schlichten Blockaltar aus Muschelkalk errichten, über dem ein fast lebensgroßes Kruzifix hängt, dessen Formensprache sich deutlich von der seines barocken Vorgängers unterscheidet.
Mit diesem Ensemble griff man in den 1950er Jahren mittelalterliche Traditionen auf, die ein großes Kruzifix am Übergang vom Langhaus, in dem die Gemeinde dem Gottesdienst folgt, zum Altarraum vorsahen. Nicht nur der Ort, auch das Kruzifix selbst orientiert sich an diesen mittelalterlichen Vorbildern.
Der triumphierende Christus
Der Künstler Gerhard Marcks griff in seiner Bild- und Formensprache bewusst auf die Epoche der Romanik zurück, die vom 10. Jahrhundert bis Mitte des 13. Jahrhunderts reicht. In dieser Zeit wurde auch der Vorgängerbau der Marienkirche errichtet.
Was zeichnet ein Kruzifix aus der Romanik besonders aus? Es sind vor allem zwei Merkmale, die uns bei der Einordnung helfen:
1. Jesus ist mit vier Nägeln ans Kreuz genagelt, und seine Füße ruhen auf einem kleinen Brett. Später begegnen uns fast ausschließlich sogenannte Dreinagelkruzifixe.
2. Der Gekreuzigte nimmt eine eher aufrechte Haltung ein, sein Kopf ist nur leicht geneigt oder sogar ganz erhoben. Diese beiden Merkmale vermitteln, dass der Gekreuzigte als Besieger des Todes, als Triumphator wahrgenommen wird.
Der Kruzifix aus der Romanik zeigt Christus als einen siegreichen König, einen sogenannten christus triumphans. In der folgenden Epoche der Gotik wird Jesus hingegen ausschließlich als leidender und sterbender Mensch dargestellt.
Ein Skandal
Der Kruzifix von Gerhard Marck zeigt die aufrechte Haltung des christus triumphans. Die Füße ruhen auf einem Brett. Sie verhindern, dass der Körper nach unten wegsackt. Der Körper, das Gesicht wirken ausgemergelt. Marcks zeigt uns einen lebendigen Jesus Christus, der sein Leid in Würde trägt.
35 Jahre bevor Marcks das Kruzifix für die Marienkirche schuf, hielt ein Skandal um ein anderes Kruzifix die Stadt in Atem.
1921 hatte der Bildhauer Ludwig Gies einen Entwurf für ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges in der Lübecker Marienkirche eingereicht. In expressionistischer Formsprache zeigt es einen gekrümmten bis auf die Knochen ausgezehrten Körper. Eine solche extreme an die Grenzen des Erträglichen reichenden Darstellung Jesu Christi hatte es in Lübeck noch nie zuvor gegeben. Die Skulptur wurde angefeindet und schließlich statt in der Marienkirche im Dom aufgehängt. Dort wurde sie Opfer von Vandalismus. Stark beschädigt übernahm sie das Stadtmuseum von Stettin. Dort wurde sie von den Nationalsozialisten 1937 beschlagnahmt und schießlich zerstört.
Gerhard Marcks kannte sicherlich die Skulptur des bekannten Bildhauers und dessen tragische Geschichte. Er fand eine eingängigere, die religiösen Gefühle gläubiger Christen nicht verletztende Interpretation des Gekreuzigten. Sie wurde damals als hervorragendes Beispiel einer zeitgemäßen religiösen Kunst empfunden.
Hier findest du eine Abbildung des Kruzifixes von Ludwig Gies https://www.bildindex.de/document/obj20708949?part=0&medium=mi09012c11
Die menschliche Natur Jesu Christi
Während das Kruzifix von Gerhard Marcks dem sogenannten Viernagel-Typus angehört, zählt das Kruzifix des Fredenhagen-Altars zum Dreinagel-Typus. Dieser Wandel vollzog sich im hohen Mittelalter und spiegelt auch eine Veränderung im Gottesbild wider. Es macht einen großen Unterschied, ob der Sohn Gottes mit ausgebreiteten Armen fast aufrecht vor den Gläubigen steht oder ob er mit gesenktem Kopf und aufgestauchten sowie gekrümmten Beinen kraftlos am Kreuz hängt.
Der Viernagel-Typus betont die göttliche Natur Christi, den Triumphator über den Tod. Der Dreinagel-Typus hingegen hebt die menschliche Natur Jesu hervor. Gott, der sich in einem kleinen Kind zur Welt begibt, leidet auch wie die Menschen unter körperlichen Qualen. Er ist einer von uns und zugleich ein anderer.
Der Dreinagel-Kruzifix setzte sich seit der Mitte des 13. Jahrhunderts durch. Das Mitleiden mit Jesus, die compassio, gehörte wesentlich zur Frömmigkeit des späten Mittelalters.
Seitdem ist der Dreinagel-Typus die bestimmende Form der Darstellung von Kruzifixen, so auch im Barock. Dennoch haben wir bereits gesehen, dass der Künstler Thomas Quellinus andere Mittel und Wege fand, um die göttliche Natur Jesu darzustellen – trotz Dreinagel-Kruzifix. Zum einen zeigt sich dies am makellos "durchtrainierten" Körper, am leuchtenden Weiß seiner Haut und an den locker übereinandergelegten Füßen. Der Nagel wirkt fast wie aufgesetzt. Keine Gewalt, keine Zerstörung geht von ihm aus.
Verbinden und verletzen
Ganz anders setzt der im Jahr 2025 verstorbene Künstler Günther Uecker den Nagel ein. Für ihn sind Nägel Werkstoffe. Seit den 1960er-Jahren verwendet er sie als grafisches Element in seiner Kunst – als Linien im Raum.
Doch Uecker ist auch ein Künstler, der sich intensiv mit dem Christentum und seiner jahrhundertealten Bildtradition beschäftigt hat. Er kennt die Bedeutung des Nagels in dieser Religion genau. Das Symbol des Kreuzes gewinnt seine Aussagekraft unter anderem durch den Nagel. Er ist eines der Werkzeuge, durch die Jesus Christus einen grausamen Tod erlitten hat. Damit wird der Nagel auch zum Werkzeug der Gnade Gottes, denn laut christlichem Glauben gab Gott seinen Sohn hin, um die Menschheit zu erlösen.
In seiner Installation „Verletzungen - Verbindungen“ sind Nägel mitten ins Zentrum jedes Kreuzes geschlagen. Wie zufällig eingeschlagen, ragen sie wirr und ungerichtet aus dem Knotenpunkt heraus. Nägel haben die Aufgabe, verschiedene Holzteile miteinander zu verbinden. Das ist ihre Funktion. Doch was verbinden sie hier? Kreuzstamm und Kreuzbalken? Sichern sie das Zentrum des Kreuzes?
Gleichzeitig können Nägel, wie wir wissen, große Schmerzen verursachen. Sie können verbinden und zugleich verletzen.
Weiße Leinenstreifen umhüllen dieses Zentrum wie ein Verband. Oder sind es die Überreste eines Leichentuchs, das der Wind hierhin getragen hat? Verbindungen und Verletzungen ...
Gegenüber
Auf deinem Weg durch die Marienkirche eröffnen sich viele Ansichten und Durchblicke. Der gesamte Kirchenraum ist kunstvoll durchkomponiert. Die Anordnung seiner Ausstattungsgegenstände folgt einer inneren Logik, die dich durch den Raum und seine Geschichte führt.
Dieser Blick im Choraumgang gehört zu meinen persönlichen Höhepunkten. Hier begegnen sich Geschichte und Gegenwart und ergänzen sich zu einem berührenden Bild, wie ich finde.
Die Kreuzigungsgruppe des Fredenhagen-Altars fügt sich in ihre Nische ein. Sie hat ihren früheren Platz im Zentrum des Altarraums verloren, doch in dieser Nische kannst du ihr auf Augenhöhe begegnen. Maria zeigt offen ihre Trauer: Du siehst, wie Tränen ihre Wangen hinunterlaufen. Du kannst dich den Figuren nähern, mit ihnen flüstern. Sie hören dich ganz bestimmt. Niemals zuvor waren diese Skulpturen, diese barocken Meisterwerke, uns Menschen so nah. Dennoch bleiben sie auch etwas fremd: Ihre steinerne Haut wirkt leblos und kalt, und ihre Kleidung ist vollkommen aus der Zeit gefallen.
Woran kannst du anknüpfen? Was spricht dich an?
Schräg gegenüber, in einer der Chorkapellen, drängen sich die Kreuze der Installation "Verletzungen und Verbindungen" von Günther Uecker. Sie ragen hoch empor und ziehen unsere Blicke, ähnlich wie die gotische Architektur, hinauf zum Gewölbe und hinaus ins Licht. Diese Kreuze sind nicht nach altmeisterlicher Art gestaltet. Das Holz ist rau, die Stoffstreifen teilweise gelöst, die Farbe abgeplatzt, und die Nägel ungerichtet und verrostet. Beide Werke repräsentieren ihre jeweilige Zeit. Sie stehen für unterschiedliche Vorstellungen von Glauben und Kunst.
Was würden die beiden Künstler, Thomas Quellinus und Günther Uecker, wohl einander zu sagen haben?
Eine Lebensversicherung
Diese kleine Kreuzigungsszene oben auf dem Foto ist nur ein Ausschnitt aus einem größeren Gemälde. Rechts neben der Figur des Johannes siehst du ein Segelschiff in voller Fahrt mit geblähten Segeln. Die Kreuzigungsgruppe wurde im oberen Bereich des Bildes, quasi im Himmel, dargestellt.
Das Gemälde zeigt die dramatische Szene eines Schiffbruchs. Der Untergang eines Schiffes gehörte in früheren Jahrhunderten, wenn nicht zum Alltag, so doch zu den erwartbaren Gefahren und Risiken für Seefahrer und Reeder. Versicherungen im heutigen Sinne gab es damals nicht. Der Verlust von Besatzung und Waren musste einkalkuliert werden. So weit der „betriebswirtschaftliche“ Aspekt.
Ein Schiffbruch konnte den finanziellen Ruin bedeuten, damit den sozialen Abstieg und natürlich den Verlust von Menschenleben. Gegen den Tod gibt es keine Versicherung. Eine „Lebensversicherung“ bietet heute auch keinen Schutz vor Tod und Sterben, sie sichert lediglich den Hinterbliebenen eine gewisse finanzielle Unterstützung.
Das Kruzifix auf diesem Gemälde aber stellt eine Art „Lebensversicherung“ dar, zwar nicht im diesseitigen, sondern im jenseitigen Leben.
Anders als in der Kreuzigungsgruppe des Fredenhagen-Altars sehen wir Maria und Johannes nicht als Trauernde, sondern als Andächtige. Sie neigen sich Jesus Christus zu, blicken zu ihm hin, betend oder auf ihn weisend. Sie sollen als Vorbilder dienen: "Wende dich Jesus Christus zu. Er steht dir in höchster Not bei. Er rettet die Toten vor der ewigen Verdammnis". Na, wenn das keine Lebensversicherung ist.
Das Gemälde ist derzeit nicht zugänglich in der Bürgermeister-Kapelle aufbewahrt.
Gedenken
In den 1920er-Jahren entstanden zahlreiche Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Als umfangreiche Anlagen auf Plätzen, in Parks und Kirchen sollten sie den deutschen Soldaten nach der Niederlage ein würdiges Gedenken sichern.
Heute sind diese Anlagen vor allem in den Kirchen ein sehr problematisches Erbe. Sie sind Zeugnisse der Geschichte und Orte des Totengedenkens, jedoch häufig auch der Kriegsverherrlichung. Sie erinnern ausschließlich an die gefallenen Soldaten des eigenen Landes. All jene, die in den Wirren des Krieges durch Hunger, Vergewaltigung oder Misshandlung ums Leben kamen, werden ebenso wenig erwähnt wie die Toten der anderen Kriegsparteien.
Es gibt jedoch auch Kunstwerke, die Krieg und den Tod Tausender nicht beschönigen. Dazu zählt unter anderem der oben erwähnte Entwurf des Bildhauers Ludwig Gies für die Marienkirche, der abgelehnt wurde. Statt dieses damals modernen, expressionistischen Werkes erinnert nun eine flache Bronzeplatte an die Toten der Gemeinde. Sie ist in Form eines schlichten Kreuzes gestaltet und in die Kirchenwand eingelassen.
Vor dieser Gedenktafel steht heute die Installation „Verletzungen - Verbindungen“. Sie überschreibt die alte, heute unzeitgemäße Form der Erinnerung mit einer modernen Interpretation des Kreuzes, die individuelles Leid und Zerrissenheit nicht verschweigt. Sie zeigt das Leid und die Hoffnung aller.
Das Nagelkreuz in der Gedenkkapelle im Südturm symbolisiert Tod und Vergebung auf eine ganz besondere Weise: Es besteht aus Nägeln, jene Nägel, mit denen Jesus einst ans Kreuz geschlagen wurde. Mehr braucht es nicht – vier Nägel.