Räume des Lichts
Glasmalereien in der Marienkirche
Die Glasmalerei
Die gotische Architektur ist eine Architektur des Lichts. Die innovative Technik des Spitzbogens und der Strebebögen machte es den mittelalterlichen Baumeistern möglich, hohe schlanke Räume zu bauen und die Wandflächen "aufzulösen". Diese Wunderwerke mussten den damaligen Menschen wie die göttliche Botschaft in Stein gebaut vorgekommen sein - lichtvoll und überwältigend.
Anders als heute, sollte das Sonnenlicht jedoch nicht strahlend hell in die Kirchenräume fallen. Zwischen die Welt draußen und den heiligen Ort des Gottesdienstes wurde ein "Filter" eingebaut: Bunte Glasscheiben mit ornamentalen und figürlichen Motiven erschufen eine Wunderwelt aus leuchtenden, bunten Heiligenfiguren und farbigen Schatten.
Von diesen alten Glasmalereien der Marienkirche ist heute nichts mehr erhalten. Verschiedenste Gründe haben zu dem Verlust geführt: Kriegsverluste, Steinschlag, Modernisierungen, Alterungsprozesse - Glas ist leider ein zerbrechlicher Werkstoff.
Nicht der Standard
Glasmalereien sind jedoch auch in mittelalterlichen "Neubauten" nicht Standard. Die Anfertigung von Glasmalereien war kostspielig. Für die Fenster mussten Stifter gefunden werden, die das Geld für Herstellung und Einbau aufbrachten. Dies geschah oft in jahrelanger Sammeltätigkeit.
Ein Blick auf die Vielzahl und Größe der Fensterflächen in der Marienkirche, macht deutlich, was für ein finanzieller Aufwand betrieben werden müsste, um alle Fenster mit Glasmalereien zu versehen.
Glasmalerien sind in der Regel nicht in Dorfkirchen zu finden, sondern in Pfarrkirchen größerer Städte. Hier gab es wohlhabende Bürger, die etwa durch testamentarische Verfügungen Gelder zur Verfügung stellten. Auch in Stifts-, Kloster- und natürlich den Bischofskirchen (Kathedrale, Dom) standen ausreichende Ressourcen bereit.
Der Standard der mittelalterlichen Verglasung bestand aus kleinteiligen transparenten Scheiben in Rautenform.
In der Regel wurden und werden auch heute noch für einzelne Fenster oder Fenstergruppen Glasmalereien gestiftet. So sind häufig vollständige moderne Verglasungen der Chorraumfenster oder einzelner Kapellen zu finden.
Innovation und Experimentierfreude
Für die Neugestaltung der Marienkirche spielte die Glasmalerei seit den 1950er Jahren eine bedeutende Rolle. Bekannte Künstler erhielten Aufträge für einzelne Fenster oder Fensterzyklen, wie etwa der berühmte Glasmaler Johannes Schreiter.
Die Gestaltung von Kirchenfenstern ist eine Hauptaufgabe zeitgenössischer kirchlich beauftragter Kunst. Vor allem für Kirchenneubauten im "Bauboom" der 1960er Jahre oder im Rahmen der Renovierung kriegszerstörter historischer Kirchen entstanden deutschlandweit zahllose moderne Glasmalereien.
Nicht nur die Großprojekte namhafter Künstler*innen beweisen die technische und künstlerische Qualität zeitgenössischer Glasmalerei. Auch kleinere Bau- und Renovierungsvorhaben zeigen das innovative Potenzial einer uralten Werktechnik. Es lohnt sich genauer hinzuschauen.
Ein Fake - Glasmmalerei als Gestaltungselement
Fenster sind in der Architektur nicht nur nützliche Elemente, die für Licht und Durchlüftung in den Räumen sorgen. Sie dienen auch als zeittypisches Gliederungs- und Gestaltungselemente. Die Unterschiede werden beosnders deutlich, wenn man die kleinen Fenster in den dicken Mauern romanischer Kirchen mit den hohen, mehrbahnigen Fenstern großer gotischer Kirchen. Manchmal begegnet sie uns ihre Struktur in Form der Gliederung in hohe, schmale Lanzetten und der Unterteilung in quadratische Bildeinheiten, die als Dekoration der Wand dienen. Ein Beispiel dafür findet sich an der Südwestwand der Marienkirche. Auf den Stuck gemalte "Fenster" kaschieren die Wände zur Briefkapelle hin.
Über dem Portal der Briefkapelle befindet sich das sogenannte Fabelfenster. Es zeigt Darstellungen aus der Welt der Fabeln. Sie haben einen moralisch-belehrenden Charakter haben, wie etwa der Esel, der versucht, mit einer Nadel einen Helm zu besticken.
Leider ist von den ursprünglichen Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert kaum noch etwas erhalten. Was wir heute sehen, sind großzügige Ergänzungen aus den 1950er Jahren. Sie sind Teil eines der größten Kunstfälscherskandale der Nachkriegszeit in Deutschland und mit dem Namen Lothar Malskat verbunden.
Ein faszinierender Werkstoff
Die Technik der Glasherstellung ist Jahrtausende alt. Bereits im alten Ägypten kannte man verschiedene Verarbeitungsarten. Zunächst wurde Glas jedoch zu Trinkgläsern verarbeitet. Diese wurden aufwendig farbig gestaltet oder mit Applikationen verziert. Die Herstellung von Glasscheiben zum Verschluss von Maueröffnungen in Gebäuden verbreitete sich erst sehr viel später.
Diese Anwendung von Glas in der Architektur eröffnete einen riesigen Kosmos an gestalterischen Möglichkeiten. Die Erkundung dieses Kosmos durch Künsterler*innen und Handwerker*innen ist auch heute noch im vollen Gange. Die Glasmalereien in der Marienkirche zeigen uns einen kleinen Einblick in dieses große Kunst-Labor. Schauen Sie doch mal rein!
Tradition und Moderne - Alfred Mahlau
Die ersten Glasmalereien, die nach dem Krieg in der Marienkirche eingebaut wurden, stammen von Alfred Mahlau. Mahlau war ein bedeutender Gebrauchsgrafiker, der in den 1920er Jahren für Lübeck zahlreiche öffentlichkeitswirksame Gestaltungsentwürfe schuf. Vielleicht ist sein Name heute in Vergessenheit geraten. Durch die Gestaltung des Corporate Designs der Firma Niederegger ist er jedoch allen Marzipanliebhaber*innen vor Augen.
Seine Entwürfe für die Gestaltung der Fenster in der Totentanzkapelle vereinen traditionelle und moderne Elemente zu einem schaurig-amüsanten Seh-Erlebnis.
Unsichtbares sichtbar machen - Hans-Gottfried von Stockhausen
Ein wenig versteckt zwischen Orgel und Westportal schmiegt sich das große Westfenster in die Nische der mittleren Turmkapelle. Es wurde von dem bekannten Glasmaler Hans-Gottfried von Stockhausen entworfen und 1965 eingebaut. Von Stockhausen hat viele Jahrzehnte die Glasmalerei in Deutschland geprägt. Zahlreiche Kirchen erhielten durch ihn neue künstlerische Akzente ihrer Ausstattung.
Das Westfenster in St. Marien ist charakteristisch für seine Arbeiten der 1950er und 60er Jahre. Dass das dargestellte Motiv für uns Betrachter*innen nicht leicht zu erkennen ist, gehört zu von Stockhausens Verständnis von Glasmalerei: Das Licht, das in den Raum hineingetragen wird, die farbige Vielgestaltigkeit des Sonnenlichtes, das Spiel der Farben an Wänden und auf den Böden und nicht zuletzt die Wirkung der Farben auf uns Betrachter*innen - das sind grundsätzliche Themen seiner Arbeiten.
Poetische Abstraktion - Johannes Schreiter
Neben Hans-Gottfried von Stockhausen gehört Johannes Schreiter zu den bekanntesten deutschen Glasmalern des 20. Jahrhunderts. Seit den 1960er Jahren prägen seine Arbeiten (nicht nur) die Innenräume zahlloser Kirchen. Schreiter arbeitet abstrakt. In seinen Werken finden wir keine figürlichen Darstellungen. Seine kirchliche Kunst zeigt keine Figuren aus der Bibel. Religiöse Themen und biblische Ereignisse übersetzt er in eine abstrakte Formsprache. Seine Farbflächen und Linien spielen mit den gestalterischen Grenzen der traditionellen Technik der Glasmalerei. Er findet technisch und künstlerisch moderne Antworten auf alte Fragen.
Für die Lübecker Marienkirche schuf er 1981/82 den Fensterzyklus für die Briefkapelle und 1999 die Scheiben für das Westportal.
Innovation und Expression - Markus Lüpertz
Eine besondere Position in der zeitgenössischen Glasmalerei nimmt sicher der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz ein. Er ist vor allem bekannt durch seine bildkünstlerischen Arbeiten in den Bereichen Malerei und Skulptur. Doch auch in der Glasmalerei hat er bedeutende Werke geschaffen. Umfangreiche Glasmalereizyklen sind unter anderem in Kirchen in Bamberg, Regensburg und Köln zu sehen.
Lüpertz gestaltet expressive Glasbilder, in denen er nicht nur die Bleirute wie einen Pinselstrich einsetzt, sondern auch unterschiedliche Glasarten mit überraschenden Effekten einsetzt.
Für die Lübecker Marienkirche schuf er 2002 das kleine Tympanonfenster über dem Portal der Totentanzkapelle. In der vielschichtigen Bildsprache setzt er sich mit Tod und Erlösung auseinander.