Johannes Schreiter
Poesie in Glas
Ein Wohlfühlort
Im Südwesten schmiegt sich zwischen Südturm und Langhaus die sogenannte Briefkapelle an die Marienkirche. Sie ist ein wahrer Schatz hochgotischer Architektur im nordeuropäischen Raum. Sie ist eine echte Augenweide und ein „Wohlfühlort“.
Die besondere Atmosphäre der Briefkapelle wird nicht nur durch ihre eleganten Proportionen, dem filigranen Sterngewölbe und der harmonischen Ausmalung hervorgerufen, sondern auch durch die Glasmalereien. Sie wurden 1981/1982 von Johannes Schreiter, einem der einflussreichsten deutschen Glasmalereikünstler des 20. Jahrhunderts geschaffen.
Johannes Schreiter ist mit diesen Kunstglasfenstern ein beeindruckendes Beispiel für die Raumwirkung moderner Glasmalerei gelungen. Er gestaltete die Fenster unter strenger Wahrung denkmalpflegerischer Auflagen und mit höchsten ästhetischen Ansprüchen. Die Briefkapelle erhielt durch diese Verglasung eine sensible moderne Antwort auf ihre Architektur, ihre Ausmalung sowie die Geschichte der gesamten Kirche.
mit einer langen Geschichte
Die Briefkapelle wurde ab dem Jahr 1310 errichtet. Ursprünglich diente sie als Vorhalle und als zweiter Haupteingang zur Marktseite und wurde als St.-Annen-Kapelle bezeichnet. Ihren heutigen Namen verdankt sie den Stadtschreibern, die zunächst vor und später nach der Reformation in der Kapelle Briefe schrieben. Die Aushandlung und Abwicklung von Verträgen und Geschäften in Kirchen war im Mittelalter und auch in der frühen Neuzeit üblich. Die Heiligen hatten gewissermaßen „ein Auge“ auf die faire und rechtssichere Durchführung weltlicher Angelegenheiten.
Ab 1944 bot die Briefkapelle der Mariengemeinde Raum für ihre Gottesdienste. Sie war dafür zunächst nur mit einem Notdach versehen worden. In den 1970er Jahren wurden schließlich umfassende Renovierungsmaßnahmen erforderlich. Die Kapelle wurde dafür bau- und architekturhistorisch eingehend untersucht und erforscht. Denn die Architektur der Briefkapelle ist in ihrer Art einzigartig und unterscheidet sich von der heutigen Marienkirche. Man wollte herausfinden, welche Vorbilder in Frage kommen könnten, und tauchte dafür tief in die Baugeschichte der Kirche ein. Die Spuren führen zum mittelalterlichen Deutschritterorden und zu den englischen Kathedralen. Den mittelalterlichen Baumeister kennen wir leider nicht.
Ein Raum für besondere Anlässe
Seit der umfassenden Renovierung in den 1970er-Jahren ist die Briefkapelle jedoch nur noch für besondere Anlässe geöffnet. Dies hat denkmalpflegerische Gründe und dient dem Schutz dieses besonderen Raumes.
Mit der umfassenden Restaurierung und der eingehenden Erforschung rückte die Bedeutung der Briefkapelle als Meisterwerk hochgotischer Architektur wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Diese Bedeutung sollte mit einer hochwertigen künstlerischen Ausstattung gewürdigt werden.
Tradition und Revolution
Dies geschah unter anderem mit dem Glasmalereizyklus von Johannes Schreiter. Für jedes einzelne schmale Lanzettfenster sowie das Tympanonfenster über dem Südportal entwarf er ein Bild, das ein übergeordnetes Thema aufgreift: ein zerrissenes Netz mit umlaufendem rotem Band.
Schreiters Kunstglasfenster markieren einen Wendepunkt in der modernen Glasmalerei. Er gestaltet großflächige, abstrakte Kompositionen. Dabei rückt nicht mehr die Zergliederung des Motivs in einzelne Glasscheiben in den Vordergrund, wie sie beispielsweise bei Alfred Mahlau und Hans-Gottfried von Stockhausen zu sehen ist. Mit dieser Herangehensweise wendet sich Schreiter schon früh von dem Vorbild der traditionellen Glasmalereitechnik ab.
Während er die Entwürfe für die Fenster der Briefkapelle anfertigte, besuchte Schreiter mehrfach die Marienkirche. Er beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte des Ortes und der Wirkung des Raums. Für ihn hat die Glasmalerei eine dienende Funktion. Sie unterstützt in Farbigkeit und Motiv die Raumwirkung der Architektur sowie die Funktion des Raumes. Das ist ihm (nicht nur) hier in beeindruckender Weise gelungen.
Zerrissene Netze
Johannes Schreiter hat vor allem durch die Gestaltung von Kirchenglasfenstern große Bekanntheit erlangt. Er zählt zu den Künstlern, die ihren Glauben in ihre Werke einfließen lassen und gleichzeitig eine universell verständliche Bildsprache geschaffen haben. Seine Kompositionen laden alle Besucher*innen zu einem intensiven Betrachten ein. Sie legen eine bestimmte Deutung nicht von Anfang an fest, sondern geben der Fantasie einen weiten Spielraum.
Das durchgehende Motiv aller Fensteröffnungen sind die zerstörten Netze einer historischen Rautenverglasung, die von einem leuchtend roten, zum Teil aufgelösten Rahmen umgeben sind. Diese Beschreibung mag auf den ersten Blick nüchtern erscheinen und ist keinesfalls eine Annäherung an das, was man innerlich wahrnimmt und erlebt, wenn man im Raum steht und die Fenster betrachtet.
Johannes Schreiter wählte mit dem zerrissenen Netz ein allgemeingültiges Bild für Auflösung, sogar für Zerstörung. Doch welches Erlebnis vermittelt seine Bildkomposition? Was spürst du? Verunsicherung? Angst? Die Möglichkeit der Freiheit? Hoffnung?
Welche persönliche Erfahrung verbindest du mit seinem Bild? Welche Bedeutung hat für dich das rote Band, das sich aus dem Rahmen löst und sich in den leeren Raum schlängelt?
Dialog und Resonanz
Vielleicht denkst du an die Zerstörung der Marienkirche im Jahr 1942, an die geschmolzenen Bleiruten der Rautenverglasung und die zerborstenen Scheiben. Vielleicht nimmst du die Schwingungen und die Dynamik der Linien wahr und tauchst ein in das leuchtende Rot. Möglicherweise erinnerst du dich an den biblischen Psalm, in dem es heißt: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netz des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei“ (Psalm 124, Vers 7). Vielleicht hörst du eine Melodie, die sich im ganzen Raum ausbreitet. Vielleicht ... Vielleicht ...
Hauptsache: Du bist da!
Für Johannes Schreiter ist ein Kunstwerk ein Dialogpartner. Jede und jeder von uns ist eingeladen, ins Gespräch mit Formen und Farben zu kommen. Wie schön, wenn eine Resonanz zwischen dem Werk und dir entsteht. Manchmal bleibt sie jedoch auch aus – auch das ist möglich.
Alles Blei oder was?
Nun wenden wir uns einem besonderen Element in den Glasmalereien von Johannes Schreiter zu. Dieses Element findet sich bereits sehr früh in seinen Werken und trug maßgeblich zu seiner Berühmtheit bei. Zahlreiche Künstler der nachfolgenden Generationen beschäftigten sich mit diesem revolutionären Aspekt: Schreiter verwendet die Bleiruten in seinen Kompositionen vorrangig als grafisches Gestaltungsmittel. Sie sind Linien mit Aussagekraft und Bedeutung. Ihre konstruktive Funktion als Verbindungselement zwischen den einzelnen Glasscheiben tritt dabei in den Hintergrund.
Dieser bedeutende Schritt wurde möglich, da die moderne Glasherstellung größere Scheiben als zu Beginn des Jahrhunderts zulässt. Auch der Einsatz von Acrylglas ist inzwischen möglich.
Schreiters Bleiruten führen zu einem fast paradoxen Phänomen in der Glasmalerei: Fein gezeichnete Risse, Brüche und Sprünge zergliedern das fragile Material auf besonders ästhetische Weise. Und oft sind diese Linien gar keine Bleiruten, sondern einfach "nur" Linien. Für uns Betrachtende bleibt oft unklar, ob die Linie gezeichnet ist oder plastisch ausgeführt wurde.
Ganz plastisch
Ihr Geheimnis offenbaren die Schreiterschen Linien bei genauerem Hinsehen und wenn das Licht etwas seitlich einfällt. Im Streiflicht treten Konturen und Unregelmäßigkeiten der Oberfläche deutlich hervor, etwa die natürliche Unebenheit des mundgeblasenen Echtantik-Glases. Und natürlich die Plastizität der Bleiruten.
Früher waren die Bleiruten eine technische Notwendigkeit. Sie ermöglichten die Herstellung großer Fensterflächen, wie man sie in gotischen Kirchen findet, und verliehen dem spröden Glas eine gewisse Flexibilität gegenüber Einwirkungen von Wind und Erschütterungen. Aus der jahrtausendealten Technik der Mosaikherstellung kannten die Handwerker die Zergliederung von Motiven in kleine und kleinste Elemente. In der traditionellen Glasmalerei des Mittelalters kamen beide Kenntnisse zusammen und ermöglichten durch das Spiel der Bleiruten Bildwerke von außergewöhnlicher Schönheit. In der Komposition blieb das Blei jedoch stets eine dunkle Linie. Seine Materialität sollte nicht hervorstechen. Der Bildinhalt (das Motiv) und die Leuchtkraft der Farben standen im Vordergrund.
Bei Johannes Schreiter ist die Bleirute das, was sie ist – eine konstruktiv notwendige Verbindung der Glasscheiben. Doch sie ist nicht mehr automatisch die einzige Linie in der Komposition. Neben sie tritt die gezeichnete Linie, und das Verwechselspiel beginnt.
Von außen betrachtet
Glasmalereien bewundern wir fast immer im Innenraum. Wo auch sonst? Schließlich sind ihre Gestaltung und Komposition in Form und Farbe ganz auf den Kircheninnenraum abgestimmt. Das entspricht auch unseren Nutzungsgewohnheiten von Kirchen: Sie werden in der Regel tagsüber besucht, sei es zur Besichtigung oder zu Gottesdiensten. Dann fällt das Sonnenlicht von außen durch die Fenster und trägt deren Bildsprache in den Raum hinein.
Nur selten ist es außen dunkel und innen hell, wenn wir eine Kirche besuchen, etwa zu besonderen Andachten und Gottesdiensten – zum Beispiel am Karfreitag, am frühen Ostersonntagmorgen, beim späten Gottesdienst am Heiligen Abend oder bei Konzerten. Dann kehren sich die Lichtverhältnisse um: Das Licht fällt aus der erleuchteten Kirche nach außen.
In diesen Momenten sind die Glasmalereien nicht innen, sondern von außen zu sehen – und zu bewundern. Allerdings nicht ganz so klar und deutlich wie im Innenraum, da sie häufig mit einer Schutzverglasung versehen sind.
Von außen betrachtet wirken die Buntglasfenster auf den ersten Blick wenig beeindruckend, könnte man meinen. Doch das täuscht. Wenn wir sie von außen aus der Nähe betrachten, können wir ihrer Konstruktion auf die Spur kommen. Frei von der Ablenkung durch die Bildsprache sehen wir die Bleiruten in ihrer nüchternen Form und faszinierenden Materialität – vor allem, wenn wir ein Fernglas dabei haben. Es lohnt sich!
Zerstörung und Hoffung
Johannes Schreiter ist ein Meister der Reduktion. Seit den 1980er Jahren hat er seine Bildsprache immer stärker vereinfacht. Es scheint, als schaffe er in seinen Glasmalereien Essenzen in Form und Farbe.
Für die Fenster der Briefkapelle verwendet er lediglich eine Farbe und zwei Nichtfarben: Rot, Weiß und Schwarz in jeweils dezenten Variationen. Diese zurückhaltende Farbgestaltung spiegelt zum einen das Thema Netz (Schwarz) im Raum (Weiß) mit einem einzigen farblichen Akzent (Rot) wider. Zum anderen folgt sie dem Dreiklang der mittelalterlichen Raumausmalung, die in den 1970er Jahren wiederhergestellt wurde. Das Rot der Gewölberippen und das Rot des Bandes verbinden den gesamten Raum und die Fenster zu einer harmonischen Einheit.
Erstmals wurde in der Marienkirche ein Raum vollständig mit Glasmalereien verglast. Dadurch wird die Kapelle als eigenständiger Raum erkennbar, der sich vom Langhaus abgrenzt. Hier wird die Faszination moderner Glasmalerei sichtbar und spürbar. Sie ist Teil der Architektur und prägt die Wirkung des Raumes maßgeblich.
Schreiter verzichtet bewusst auf christliche Symbole und Figuren. Jenseits gegenständlicher Darstellungen gelingt ihm eine ästhetisch vollendete, den Raum durchdringende Darstellung einer Balance zwischen Zerstörung und Hoffnung – auf ein Gehaltensein.
Altes - ganz neu
1999 erhielt Johannes Schreiter einen weiteren Auftrag für die Marienkirche. Er wurde gebeten, die Fensterscheiben für das neue Westportal zu entwerfen.
Das Portal selbst, einschließlich der Türblätter, der Rahmung und des Tympanonfensters, gestaltete der Lübecker Architekt Kuno Dannien. Ihm gelang eine moderne Lösung, die sensibel auf die historische Bausubstanz antwortet und die gestalterische Aufgabe überzeugend erfüllt.
Johannes Schreiter fügte seine Kunstglasfenster harmonisch in das Portal ein. Er wählte Farben, die zum Grau des Stahls passen, und setzte nur an wenigen Stellen beeindruckende Akzente in Rot. Die für Schreiter typische Form der „Klammer“ fügt sich ebenfalls in die Formsprache Danniens ein.
In der Bildsprache seiner Glasmalerei thematisiert Schreiter die Funktion des Portals, wodurch die Tür selbst zum Bild wird.
Übrigens ist es das einzige Bildwerk Schreiters, das du aus nächster Nähe und ohne Hilfsmittel wie Fernglas oder Fotoapparat betrachten kannst. Die Materialien und ihre Verarbeitung sind direkt erfahrbar. Eine seltene Gelegenheit, Einblick in die Kunst Johannes Schreiters zu gewinnen!
Hier erfährst du noch etwas mehr über die Nutzung des kleinen Raums vor dem Portal.
Unverkennbar Schreiter
In der christlichen Kunst spielen Symbole eine große Rolle. Sie transpotieren Inhalte des christlichen Glaubens in stark verkürzter Form. Das Kreuz ist dabei das wichtigste und bekannteste Symbol. In den vielen Jahrhunderten seit der Entstehung des Christums haben sich eine Vielzahl von Symbolen entwickelt. In der Kunst des 20. Jahrhunderts sind Symbole hinzugekommen, die von einzelnen Künstlern sozusagen erfunden wurden. Sie sind mit ihren Werken untrennbar und unverkennbar verbunden. Auch Johannes Schreiter hat solche symbolische Formen in seinem künstlerischen Schaffen entwickelt. Dazu gehört etwa die nach oben offene rechteckige Form. Sie kann schmaler oder breiter, höher oder flacher ausfallen. Entscheidend ist ihre nach obene offene Form. Sie erinnert an ein geöffnetes Gefäß, eine geöffnete Hand, zum Himmel erhobene Arme, eine Klammer, die Dinge zusammenhält. In dieser stark reduzierten Form zeigt sich die ganze Vielfalt an Deutungsmöglichkeiten einer abstrakten Formsprache. Die Bedeutung liegt bei dir. Allen Betrachtenden gemeinsam ist die Wahrnehmung einer nach oben geöffneten Form.
Im Westportal der Marienkirche sind viele Varianten dieser Formen aneinandergereiht. Wie ein Weg? Eine Gemeinschaft auf dem Weg, eine Prozession? Wohin? In die Kirche? In die Höhe? Natürlich kannte Schreiter genau den Ort, an dem seine Glaskunst ihren Platz finden sollte - am alten Haupteingang der Kirche, direkt unter dem Weltgerichts-/Auferstehungsfenster von Hans-Gottfried von Stockhausen.