Alfred Mahlau

Ein Grafiker am Werk

Immer im Einsatz

1952 erhielt der Grafiker Alfred Mahlau den Auftrag, für die Totentanz-Kapelle der Marienkirche Entwürfe für eine Glasmalerei vorzulegen. Es handelte sich um das erste größere Glasmalerei-Projekt in der nach dem Krieg zerstörten Kirche.
Zu diesem Zeitpunkt war die Gedenkkapelle unter dem Südturm mit den zerborstenen Glocken bereits eingeweiht, während die Debatten über die Neugestaltung des Chorraums noch andauerten.

Alfred Mahlau war bereits seit Jahrzehnten als äußerst erfolgreicher Gebrauchsgrafiker in Lübeck tätig und hatte das "Bild" der Stadt maßgeblich geprägt. Viele seiner Entwürfe werden noch heute verwendet, etwa das Firmenlogo der Firma Niederegger.
Seit 1945 war Mahlau Professor der Grafikklasse an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Horst Janssen und Vicco von Bülow. Ihm einen solchen Auftrag zu erteilen, lag damit gewissermaßen „auf der Hand“.

Obwohl Mahlau kaum Erfahrung in der Gestaltung von Buntglasfenstern hatte, schien dies kein Hindernis zu sein. Er war Profi für Illustrationen und die grafische Verdichtung verschiedenster Inhalte. Die praktische Erfahrung bei der Herstellung von Glasmalereien stellte in diesem Projekt die traditionsreiche Werkstatt Carl Berkenthien zur Verfügung.

Nach Vorlage

Der Auftrag war klar umrissen: Buntglasfenster für die beiden gotischen Lanzettfenster der sogenannten Totentanz-Kapelle. Damit wurde ein enger Rahmen gesetzt, innerhalb dessen sich Mahlau mit seinen Entwürfen bewegen konnte. Er hatte sich an die Gliederung der historischen Fenster zu halten, die traditionelle musivische Glasmalereitechnik anzuwenden und den Bezug zum berühmten Lübecker Totentanz herzustellen. Denn die Kapelle sollte die Erinnerung an die überregionale Strahlkraft dieses 1942 zerstörten Kunstwerks bewahren.

Für all das war Mahlau mit seiner umfassenden Erfahrung in der angewandten Kunst wie geschaffen. Bereits sein erster Entwurf begeisterte die Auftraggeber. Es folgten weitere Varianten, in denen er mit den Größen und der Aufteilung der Figuren experimentierte: Wie gelang die aus dem Lübecker Totentanz übernommene horizontale Paarreihung von Tod und Mensch in einer dreiachsigen vertikalen Gliederung am überzeugendsten?

Bei seinen Entwürfen konnte sich Mahlau auf die reiche Tradition der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bücher mit Totentänzen stützen. Bereits hier hatten die Illustratoren und Buchdrucker die traditionelle Reihung des Reigentanzes in die Darstellung isolierter Paare übertragen. 

Immer aktuell

Der alte Lübecker Totentanz gehörte zum reichhaltigen Kulturschatz der europäischen Totentänze. Diese Gattung ist eine „Erfindung“ des späten Mittelalters und spiegelt die grausamen Erfahrungen mit den Pestepidemien wider, die alle Menschen gleichermaßen – unabhängig von ihrem sozialen Stand – dahinrafften.
Darüber hinaus blieben der Totentanz und später die "Bilder des Todes" eine beliebte Kunstgattung, sowohl in der bildenden Kunst und der darstellenden Kunst als auch in der Musik. Ihre makabre Bildsprache, die zwischen Grauen und Humor schwankt, wurde über die Jahrhunderte von unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstlern zeitgemäß verändert. Nicht zuletzt deshalb ist die Faszination für diese Bild- und Musikwerke bis heute ungebrochen.

Über den 1942 erstörten Lübecker Totentanz erfährst du hier mehr.

Spott und Mahnung

Vorlage für die Glasmalerei von Alfred Mahlau ist also der Lübecker Totentanz von Bernt Notke. Im Vergleich mit diesem historischen Werk muss das moderne Werk gesehen werden. Mahlau schuf keine eigenständige zeitgenössische Interpretation des Themas Totentanz. Er lehnte sich in der Auswahl der Figuren, ihren Haltungen und Gestiken und ihrer Kostümierung an das Vorbild an. Allerdings verkürzt und pointiert er das Original und stellt mit den eindeutigen Zitaten zum Krieg einen Bezug zur Gegenwart her.

Mahlau reduziert die Anzahl der Figuren. So lässt er etwa einzelne Vertreter des geistlichen Standes weg, da deren kirchliche Ämter für seine Zeitgenossen nicht mehr verständlich gewesen wären. Während in der historischen Vorlage jeder Mensch von einem Skelett zum "Tanz" aufgefordert wird, sind bei Mahlau die Skelette in der Überzahl. Oftmals rahmen sie einen Menschen ein und bedrängen ihn von beiden Seiten mit Spott und Mahnung. 

Ein neues Medium

Alfred Mahlau überträgt den ursprünglich auf Leinwand gemalten Fries in ein völlig anderes Medium: die Glasmalerei. Dafür muss er die Malerei in ein Mosaik übersetzen – die Farbmodellierungen zu plakativen Farben vereinfachen, die Motive in kleine Elemente zerlegen und den Hintergrund reduzieren.
Das fällt ihm nicht schwer. Er kann den alten Farbkanon in das neue, jedoch alte Medium übertragen: Mit Rot, Blau und Grün setzt er starke Akzente. Als Gebrauchsgrafiker kennt er sich damit aus. Das Bild soll gut lesbar sein.

Im historischen Totentanz sind die zu Skeletten reduzierten Leichname in weiße Leichentücher gehüllt. In einem Fenster würde dies nicht wirken, deshalb lässt er bunte, zum Teil fransenartige Tücher dekorativ um die Toten wallen. Nicht nur die tanzenden Figuren, auch die bunten Farben erzeugen nun eine ausdrucksstarke Dynamik im Bild – wie bei einem wilden Tanz.

Den Hintergrund gestaltet Mahlau durchgehend weiß. Er gliedert ihn durch die Bleiruten, sodass er gleichmäßig belebt wirkt. Vor diesem weißen Hintergrund heben sich die Farben besonders stark ab. Damit weicht Mahlau deutlich von seiner Vorlage ab. Eine Landschaft, wie sie im historischen Totentanz zu sehen war, hätte die expressive Wirkung der Figuren abgeschwächt. Dennoch setzt sich Mahlau auch mit diesem Aspekt des Lübecker Totentanzes auseinander: Die Stadtsilhouette Lübecks, die Bernt Notke in sein Bild eingefügt hatte, platziert Mahlau in die Sockelzone der beiden Fenster – nun jedoch als brennende, kriegszerstörte Stadt.

Der Tod kniet nieder

In den alten Totentänzen „tanzt“ der Tod mit allen Ständen, sozialen Schichten und mit allen Milieus, wie wir heute sagen würden. Er „tanzt“ mit allen Lebensaltern. Dabei macht er weder vor den Mächtigen und Reichen noch vor den jungen Menschen Halt. Er holt sich alle – auch die Kinder. Er reißt sie aus den Armen ihrer Mütter, eine grauenhafte Lebenserfahrung, die sich durch alle Jahrhunderte zieht.

Den Tod kümmert es niemals, wen er holt. Nur einmal hält er inne – wie hier in dem Bild von Alfred Mahlau. An der Wiege eines Kindes kniet der Tod nieder und greift fast schüchtern nach dessen Hand. Ja, er trauert sogar. Wer dieses Kind ist, das kraftvoll die Arme erhebt und sich von der Anwesenheit des Todes nicht erschüttern lässt, stellt der Künstler eindeutig dar: Es ist Gott, der in einem Kind geboren wurde. Für Alfred Mahlau bildet dies die Basis, das Fundament des ganzen schauerlichen Reigens.

Für Alfred Mahlau die Basis, das Fundament des ganzen schauerlichen Reigens und eine große Hoffnung für Viele.

Die Gegenwart ist im Bild

Die Kriegszerstörungen, die noch in den 1950er Jahren in der Stadt sichtbar waren, erhalten durch die Darstellung der brennenden Stadtsilhouette in der Sockelzone der Fenster sowie durch Feuerkugeln und Explosionen einen aktuellen Bezug.

Mahlau soll in den Figuren des rechten Fensters, in dem Vertreterinnen und Vertreter der städtischen Bevölkerung dargestellt sind, Menschen aus seinem Umfeld und sogar sich selbst porträtiert haben. Für die meisten Betrachter*innen bleiben diese Bezüge jedoch unentdeckt. Dennoch besitzen die Figuren eine Ausdruckskraft, die die Jahrzehnte überdauert und über die Kriegserfahrung hinaus eine existenzielle Wucht behält.

Wie bei vielen Glasmalereien sind auch hier die Motive und Figuren zu weit vom Auge der Betrachtenden entfernt, als dass wir sie einzeln, in Ruhe und ohne aufkommende Nackenschmerzen auf uns wirken lassen könnten. Es bleibt ein Flirren, ein ekstatischer Rhythmus der Farben, der spöttische Tanz des Todes um die erstarrt wirkenden Menschen – ein Werben um Aufmerksamkeit hier und dort und da.

Trotz der Nähe zum mittelalterlichen Totentanz hat auch dieses Werk eine bedrängende immerwährende Aktualität.