Farbe, Linie und - Licht
Zur Technik der Glasmalerei
Malen mit Licht
Die Glasmalerei fasziniert Künstler*innen seit vielen Jahrhunderten. Sie ist mehr als eine weitere Art der Herstellung von Bildern für den kirchlichen Gebrauch. Glasmalerei ist malen mit Licht. Und je nach Lichteinfall, nach Jahreszeit und Wetterlage, wirken die Glasmalereien anders. Mal sind sie zurückhaltend, dezent in der Farbe, mal erstrahlen sie hell und bunt.
Die Künstler*innen müssen sich mit dem Raum vertraut machen, für den sie die Glasmalereien gestalten. Handelt es sich um ein Fenster oder um eine Gruppe von Fenstern? Wann fällt das Sonnenlicht durch welches Fenster? In welchem Winkel fällt das Licht in den Raum?
Das sind auch wichtige Fragen für uns Betrachter*innen. Besuchen Sie einfach mal die Marienkirche bewußt zu verschiedenen Tageszeiten und schauen Sie wie sich die Glasbilder verändern. Vor allem an dem Fenster über dem Westportal von Hans-Gottfried Stockhausen sind diese Veränderungen gut sichtbar.
Farbenspiele - Zeichen der Wirkkraft Gottes
Bei Sonnenschein legen sich die Farben der bunten Glasscheiben auf die weiß getünchten Wände der mittleren Turmkapelle. Dieser Effekt ist nur sehr zart und auch nur selten zu sehen - eben bei strahlendem Sonnenschein und bei tiefstehender Sonne. Die Intensität des einfallenden Sonnenlichts muss groß genug sein.
Doch in diesem zarten Spiel der Farben auf der Wandfläche liegt die symbolische Kraft der modernen Glasmalerei verborgen: Das Licht steht im christlichen Glauben für die Anwesenheit und Wirkkraft Gottes. In den Farben wird sie sichtbar - allerdings nicht in gegenständlichen Formen und Figuren, sondern in einem abstrakten Farbspiel.
In der mittelalterlichen Glasmalerei konnte dieser Effekt noch nicht erzielt werden. Die Scheiben sind zu dick. In der mittelalterlichen Glasmalerei stand noch ganz die Leuchtkraft der Farben im Vordergrund. Das Licht Gottes lässt die biblischen Szenen und Heiligenfiguren erstrahlen. Die Figuren stehen im Zwischenraum zwischen Himmel und Erde - losgelöst von einem Trägermaterial.
Aus Kirchen mit reichhaltiger Glasmalerei kennen wir den Eindruck, als sei der ganze Raum in Farbe getaucht.
Große Fenster - eine große technische Herausforderung
Für unsere moderne Architektur ist Licht ein unverzichtbares Element. Wer möchte nicht in einem hellen, vom Sonnenlicht durchflutetem Raum wohnen und arbeiten? Für große Fensterflächen stehen uns heute die entsprechenden Materialien zur Verfügung. Das war nicht immer so. Große Maueröffnungen waren in früheren Jahrhunderten nicht erwünscht. Durch sie drangen Hitze, Kälte, Regen und Schnee in die Räume. Mauern boten Schutz, Fenster ermöglichten dagegen Helligkeit - eine Gradwanderung!
Mit den Spitz- und Strebebögen der gotischen Architektur, wurde auch auf dem Gebiet der Verglasung von Fensteröffnungen Neuland betreten. Für die nun entstehenden großen Fensterflächen wurden die technischen Möglichkeiten der traditionellen Fenstergestaltung und Glasmalerei erweitert.
Mosaike aus Glas
Die traditionelle Glasmalerei gehört zu den musivischen Techniken, das heißt, dass sich ein Bild aus vielen einzelnen kleinen Elementen zusammensetzt - wie ein Mosaik.
Früher waren die Glasbilder so kleinteilig, weil die Technik es verlangte: Jahrhunderte lang wurden Glasscheiben und Trinkgläser mit dem Mund geblasen – ein echtes Handwerkskunststück! Der Glasbläser erzeugte aus dem zähflüssigen Material mit der Glasbläserpfeife eine Kugel, die im noch heißen Zustand aufgeschnitten und zu einer Scheibe geglättet wurde. Auf diese Weise konnten nur relativ kleinformatige Scheiben hergestellt werden. Erst durch moderne technische Verfahren ist die Herstellung größerer Glasscheiben möglich.
Struktur und Stabilität
Für die Herstellung großer Glasflächen, wie sie für die gotischen Kirchen üblich wurden, war diese technisch bedingte Kleinteiligkeit eine Grundvoraussetzung: Nur durch das Zusammenfügen von kleinen Glasscheiben mit Hilfe von Bleiruten war eine gewisse Stabilität gewährleistet. Das Gewebe aus weichem Metall und kleinen Scheiben konnte auf Winddruck und leichte Erschütterungen flexibel reagieren.
Die Künstler nutzten die musivische Grundstruktur der Glasmalerei auf unterschiedliche Weise für ihre Bildgestaltung: Manche gliederten das Motiv in gegenstandslogische Elemente, z.B. eine Glasscheibe für eine Hand, eine für den Kopf, eine für einen Arm. Andere zersplitterten das Motiv ohne klare Ordnung. Möglicherweise stand in diesen Fällen nur eine kleine Auswahl an Glasscheibengrößen zur Verfügung.
Vorgabe der Architektur
Zusätzlich zu der musivischen Gestaltung des Glasbildes selbst gibt es noch ein weiteres strukturgebendes Element in der Glasmalerei. Das sind die statisch bedingten horizontal verlaufenden Stein-/Metallsprossen innerhalb der Fensteröffnungen. Sie sind ein nicht beeinflussbarer Faktor in der traditionellen Glasmalerei. Auch hier gibt es unterschiedliche Herangehensweisen: Entweder werden sie in der Bildgestaltung berücksichtigt oder nicht. Es ist interessant zu beobachten, wie die unterschiedlichen Künstler in den verschiedenen Jahrhunderten mit dieser Herausforderung umgehen.
Mit den heutigen technischen Möglichkeiten und neuen Materialien ist die Herstellung stabiler Glasflächen nicht mehr das Problem. Für die Gestaltung von Kirchenglasfenstern in modernen Kirchenbauten bieten sich dadurch andere vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. In der Regel aber bleibt die musivische Technik Tonangebend in der Glasmalerei.
Echtantik-Glas
Grundsätzlich hat sich die Technik der Glasmalerei jedoch nicht verändert und wird bis heute angwendet. Dies liegt zum einen in der Faszination des Arbeitens mit dem Rohstoff Glas und zum anderen in der Denkmalpflege. In einer historischen Kirche wie der Marienkirche dürfen nicht einfach großflächige farbige Scheiben etwa aus Kunstglas eingesetzt werden. Sie würden den Eindruck der Architektur verfälschen.
In der Regel wird bei der Herstellung von Kirchenglasfenstern heute immer noch mit sogenanntem Echtantik-Glas gearbeitet. Das sind mundgeblasene Glasscheiben, deren Färbung und Struktur nicht industriell genormt werden kann. Eingeschlossene Luftbläschen können zwar im handwerklichen Prozess reduziert, nicht aber gänzlich verhindert werden.
Der Künstler Markus Lüpertz nutzt für seine Glasmalereien jedoch auch industriell hergestellte Glassorten, die für Sanitär und Industrieanlagen verwendet werden. Das ermöglicht zusätzliche abwechslungs- und spannungsreiche Gestaltungen.
Kleine Scheiben - scharfe Kanten
Glas ist ein fasznierender Werkstoff. Es entsteht aus Sand unter Beimischung von Pflanzenasche und sehr hohen Temperaturen. Natürlich wurde mit den Rezepturen und weiteren möglichen Beimischungen jahrhundertelang experimentiert, doch im Grunde blieb es bei den ursprünglichen Ausgangsstoffen.
Bei hohen Temperaturen ist Glas zählflüssig und das bleibt es auch, wenn es abkühlt. Wir kennen Glas als hartes, leicht zerbrechliches Material. Pysikalisch gesehen ist es allerdings auch im festen Zustand flüssig. Das liegt an der besonderen Anordnung der Siliziumatome im Glas. Und die führt zu einer besonderen Eigenschaft des Glases, die sich die Glasmaler zunutze machen: Glas kann geschnitten werden.
Dafür wird mit einem Diamantschneider die gewünschte Form sacht in die Glasscheibe geritzt. Dann kann sie gebrochen werden. Das Glas bricht tatsächlich enlang der geritzten Linie. Gerundete Formen sind also kein Problem in der Glasmalerei. Und die können wir in den Werken auch häufig beobachten.
Leuchtende Farben
In der Herstellung von Kirchenglasfenstern müssen wir unterscheiden zwischen der Glasherstellung und der Glasmalerei. Der Begriff Glasmalerei ist im Grunde missverständlich, denn die Glasmaler erstellen Glasbilder aus vorgefertigten Glasscheiben. Diese sind bereits eingefärbt. Das Färben erfolgt während des Herstellungsprozesses des Glases unter Beimischung von geeigneten Farbpigmenten.
Allerdings wurden im Laufe der Jahrhunderte zusätzliche Verfahren entwickelt, durch die bereits gefärbte Gläser weiter bearbeitet werden konnten. Bereits im Alten Ägypten war das sogenannte Überfangglas bekannt. Hierfür wird eine zweite eingefärbte Glasschicht über das Glas gelegt. Mit Hilfe einer starken Säure konnten in diesen Überfang zum Beispiel Formen hineingeätzt werden. So entstanden Muster in der Glasscheibe selbst.
Für die Zeichnung von Gesichtern oder anderen feinen Details wurde in der traditionellen Glasmalerei Schwarzlot verwendet. Dieses aus Metalloxiden und Glaspulver hergestellte Farbmittel wurde auf die Scheiben aufgetragen und eingebrannnt.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Verfahren für die farbliche Gestaltung der Glasscheiben und es wird weiter ausprobiert.
Mit Metall zeichnen
Charakteristisch für die Glasmalerei sind die Bleiruten. Das sind dicke Drähte aus Blei mit einem H-Profil. In die Vertiefungen des H werden auf jeder Seite die zurechtgeschnittenen Glasscheiben eingefügt und eingekittet.
Blei ist ein außergewöhnlich weiches und trotzdem stabiles Metall. Es kann sich allen Formen anpassen. Diese Eigenschaft ist entscheidend für die Stabilität der fertigen Fenster: Die Flexibiität des Metalls ermöglicht dem spröden und zerbrechlichen Glas ein Mitschwingen, z.B. bei Erschütterungen oder Windlast.
Der Künstler Markus Lüpertz arbeitet mit den Blei-Ruten fast wie mit einem Blei-Stift. Die Linie beschreibt kleinere und größere Windungen und Kurven. Sie arbeitet Konturen und Binnenzeichnungen der Gegenstände heraus.
Der Künstler Johannes Schreiter spielt mit der Bleirute auf eine andere Art und Weise: Er nutzt sie manchmal wie eine Linie, die in einer Glasfläche ausläuft. Dadurch verliert sie ihre konstruktive Bedeutung für das Glasbild und wird zu einem rein ästhetischen Bildelement. Doch Achtung: Ob die Linie eine Bleirute oder doch eine gemalte Linie ist, lässt sich nur bei genauem Hinsehen erkennen.
Themen und Motive
Die historische Glasmalerei des Mittelalters ist vor allem kirchliche Kunst. Sie diente der Aufgabe, Inhalte der christlichen Religion sichtbar zu machen und Gott und die Heiligen zu ehren. Häufig sind biblische Szenen wie etwa die Geburt Jesu oder die Anbetung der Heiligen Drei Könige zu sehen. Und natürlich einzelne Heiligenfiguren wie der Heilige Nikolaus oder Maria, die Mutter Jesu. Manche Motive entspringen aber auch gelehrten Bibelinterpretationen und theologischen Überlegungen.
Dazu gehört das Motiv der einzigen bekannten, aber nicht mehr erhaltenen, mittelalterlichen Glasmalerei aus der Marienkirche - die Marienkrönung. In dieser Glasmalerei war die Krönung von Maria durch Jesus und Gott zu sehen. Dieses Motiv war im späten Mittelalter Ausdruck höchster Verehrung der Mutter Gottes. Das Glasbild war zu Beginn des 16. Jahrhunderts für die Marientidenkapelle gestiftet worden. Alte schwarz-weiß Fotos zeigen es noch an ihrem alten Platz.
Auch für die zeitgenössische Glasmalerei spielen figürliche Darstellungen mit religiösen Inhalten immer noch eine große Rolle, wie etwa für Hans-Gottfried von Stockhausen. Er stellt hier den Kampf des Engels gegen das Böse dar.
Moderne Formensprache
Die Geschichte der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts ist nicht nur durch eine große Experimentierfreude bei der Bewältigung technischer Herausforderungen gekennzeichnet, sondern auch und vor allem durch eine Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg variierten viele Künstler*innen die künstlerischen Möglichkeiten von Gegenständlichkeit und Abstraktion. Dies ist auch in den Glasmalereien in der Marienkirche sichtbar: Hans Gottfried von Stockhausen wählte eine vorrangig figurative Bildsprache: Engel, Drache und menschliche Figuren sind erkennbar, allerdings stark vereinfacht und geometrisch abstrahiert. Die Figuren sind umgeben von abstrakten Formen. Die Abstraktion galt seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts für viele Künstler*innen als besonders geeigente Formsprache um spirituelle und religiöse Inhalte darzustellen.
Johannes Schreiter ist ein Künstler, der ganz auf Abstraktion setzt. Seine Werke sind Kompositionen aus klaren Farben, einfachen Formen und Linien ohne gegenständliche Ankläge. Einzelne Formen, wie etwa die nach oben geöffnete Klammer, tauchen in seinen Werken immer wieder auf. Ihnen kommt eine symbolische Bedeutung zu. Sie ergibt sich aus der reduzierten Form: Sie erinnert an ein Gefäß. Christlich könnte dies als Symbol etwa für die Hingabe an Gott gedeutet werden. Sie ist jedoch auch nicht-christlichen Deutungen zugänglich.