Blick schweifen lassen
Herzlich willkommen!
Dein Eindruck zählt
Hi! Wie bist du hier?
Hast du Zeit?
Vermutlich schon, sonst wärst du nicht auf dieser Website, sondern müsstest arbeiten, dich um Menschen kümmern oder sonstige Dinge organisieren und erledigen.
Wie schön, dass du hier bist! Gerade jetzt. Zu deiner Zeit, von deinem Ort aus.
Ich lade dich ein zu einem Rundgang durch die Marienkirche. Es wird ein Rundgang zu den kleinen Dingen sein, die sich nicht sofort ins Auge drängen, und mit manchmal ungewöhnlichen Sichtweisen. Sie warten darauf, gesehen zu werden.
Dein Blick ist kostbar, dein Eindruck zählt. Komm einfach mit und schweife ab, wann immer du es willst.
Tritt ein. Die Kirche ist offen!
Was führt dich hierher, direkt vor das Portal der Marienkirche? Möchtest du eintreten, ganz gleich, ob der Wind um die Ecken der Kirche fegt oder die Sonne die Backsteine erwärmt?
Die Tür ist groß und schwer. Du musst kräftig ziehen, um den alten Türflügel zu öffnen. Dies ist keine moderne Glastür, die sich automatisch für dich öffnet. Diese alte Tür leistet Widerstand. Natürlich ist das so gewollt. Eine Tür, die sich leicht öffnen lässt, stellt auch dem Wind keinen Halt entgegen. Dieser könnte dann ungehindert in den Raum hineinfegen, Regen und Schnee mitbringen. Auch Tauben und andere Tiere sind ehrlich gesagt ungeliebte Gäste in Kirchen, nicht weil sie Tiere sind, sondern weil sie die kostbare Innenausstattung beschädigen könnten.
Natürlich spielt auch die Größe der Tür eine Rolle. Holztüren bringen ein beträchtliches Gewicht auf die Waage. Zudem benötigen sie Eisenbänder und schwere Scharniere, um zusammenzuhalten und sich bewegen zu können.
Das Wichtigste ist jedoch: Diese alten Türen sind in große Portale eingebunden. Durch sie betreten wir Menschen das Gebäude – die Kirche. Diesen „Anders-Raum“, der bewusst von der Außenwelt, vom alltäglichen Getriebe abgetrennt ist. Die Portale und ihre Türen inszenieren unseren Eintritt in die Kirche. Auch die Türgriffe spielen dabei ein wichtige Rolle. Doch dazu später mehr.
Bei Sonnenschein leuchtet der helle Stein des inneren Portals der Marienkirche. Dieser Stein ist etwas ganz Besonderes. Er wurde von weit her importiert. In Lübeck und Umgebung gibt es keinen natürlich gewachsenen Stein. Hier verwendet man nur Backstein aus Lehm.
Einfach mal in den Arm nehmen
Doch halt! Einen Moment noch!
Bevor du die Tür öffnest, schau kurz nach rechts. Falls du ihn noch nicht gesehen hast, jetzt ist der richtige Augenblick: So freundlich und putzig lächelt sonst kein Teufel. Nur der Lübecker. Denn er glaubt bis heute, die Menschen überlistet zu haben. Soll er doch! Wir wissen es besser.
Sieh nach in der alten Legende, die vom Bau der Marienkirche erzählt und von der Begegnung der Menschen mit dem „Fürst der Finsternis“.
Die kleine Tafel neben dem Teufelchen informiert dich über das Wichtigste.
Der bronzene Teufel ist längst nicht so alt wie die Legende. Erst seit 1999 sitzt er auf seinem Stein, der dich zum Dazusetzen einlädt. Aber sicher wird er dort noch lange verweilen, denn Bronze ist ein dauerhaftes Material. Der Teufel hat also Sitzfleisch und mag es zudem sehr, mit Menschen gemeinsam für Fotos zu posieren.
Außerdem wartet er weiterhin auf eine Gelegenheit, in die Kirche zu schlüpfen … Mal sehen, ob ihm das irgendwann mal gelingt.
Ein Blick in eine andere Welt
So, jetzt aber: Die schwere Kirchentür fällt hinter dir ins Schloss, und noch bevor du dein Portemonnaie herausgeholt und das Geld für den Eintritt bezahlt hast, schweift dein Blick schon zum ersten Mal ab – hinauf in die Höhe. Es geht gar nicht anders: Dein Blick muss den hoch aufragenden Pfeilern folgen, hinauf zu den Fenstern, hinauf in das Gewölbe. Das ist Gotik pur!
Die gotische Architektur strebt zum Himmel: schlanke Pfeiler, schmale Fenster, spitzbogige Arkaden und Gewölbe. Es ist, als würde das Gewicht der Welt, die Masse der Mauern, aufgehoben. Es scheint, als gäbe es keine Schwerkraft. Die gotischen Kirchen feiern Gott. Das spürt man im ganzen Körper.
Meist ist es dann auch dieser überwältigende Eindruck der Architektur, der in unserer Erinnerung bleibt, wenn wir die Marienkirche wieder verlassen.
Technische Innovation
Aber gotische Architektur ist noch viel mehr: Sie steht für technische Innovation. Was uns heute durch den Filter der Jahrhunderte vielleicht altmodisch oder gar "romantisch" erscheint, war im späten Mittelalter Spitzentechnologie im Bauwesen und die Spitze statischer Berechnung. Tatsächlich wurde aber nicht formal berechnet, vielmehr baute man auf Erfahrung – auf viel Erfahrung.
Übrigens: Die gotischen Kirchen, die wir heute sehen, sind diejenigen, die erhalten geblieben sind. Eingestürzte Gewölbe oder gar ganze Gebäude waren im Mittelalter vermutlich keine Seltenheit. Man lernte durch Versuch und Irrtum. Das kann sich heute niemand mehr leisten.
Die gotische Architektur ist nicht nur innovativ und funktional, sie ist auch ungemein schön. Dein Blick wird vermutlich unwillkürlich nach rechts zum lichtdurchfluteten Chorraum und dem umliegenden Kapellenkranz gewandert sein. Hier befindet sich der liturgische Mittelpunkt der Kirche, das Herzstück christlicher Architektur: der Ort, an dem der Altar steht. Ohne es bewusst zu wissen, spüren wir die Besonderheit dieses Ortes. Unser Blick wird geradezu dorthin gezogen.
Über die Architektur der Backsteingotik erfährst du hier mehr.
Und weiter?
Vielleicht richtet sich dein Blick langsam von den lichten Höhen des Gewölbes wieder zum Boden. Hier kannst du dich orientieren: rechts, links, geradeaus oder sogar „querfeldein“? Wohin möchtest du als Nächstes gehen?
Vermutlich zieht es dich nach rechts – einfach so. Denn wir sind es gewohnt, unsere Aufmerksamkeit nach rechts zu lenken, sofern kein besonders großer Reiz uns in eine andere Richtung führt. Das hängt mit unserer Leserichtung zusammen: Wir lesen von links nach rechts. Deshalb wandert unser Blick meist ganz unwillkürlich in diese Richtung.
Der Ausblick geradeaus, vom Eingangsbereich aus, ist zwar interessant, doch er muss noch warten. Was meinst du? Dort gibt es etwas zu entdecken, das auf jeden Fall zu den bemerkenswerten Dingen der Marienkirche gehört – die Totentanzkapelle mit den großartigen Glasmalereien von Alfred Mahlau und Markus Lüpertz. Aber noch nicht jetzt. Dafür brauchen wir viel mehr Zeit. Falls du dennoch schon einmal vorbeischauen möchtest, kannst du hier klicken. So gelangst du direkt zur Unterseite, die sich ausschließlich mit der modernen Glasmalerei in der Marienkirche beschäftigt. Du kannst natürlich navigieren, wie du möchtest – folge deinem Blick, deiner Aufmerksamkeit und deinen Interessen.
Mehr Schein als Sein?
In der Marienkirche fallen sofort die Wandmalereien ins Auge. Wie eine Hülle überziehen sie die Backsteinwände und geben dem Innenraum eine besondere Atmosphäre. Quadermalerei mit roten Fugenstrichen, farbig abgesetzte Dienste an den Bündepfeilern, Pflanzenranken in den Gewölben, figürliche Darstellungen in den Fensterlaibungen, den Arkadenbögen, unterhalb der oberen Fensterzone und an der Südwand. Die Ausmalung der Marienkirche ist äußerst dekorativ und akzentuiert verschiedene architektonische Elemente.
Sie war ein Überraschungsfund nach dem Brand 1942. Die Hitze hatte die zahllosen Tünche-Schichten vergangener Jahrhunderte abblättern lassen. Darunter kam eine großartige fast vollständige Raumausmalung aus dem 14. Jahrhundert zum Vorschein. Doch Achtung: Es ist nicht alles das, was es scheint. Mit der Restaurierung der Malereien in den 1950er Jahren ist einer der größten Kunstfälscher-Skandale der Nachkriegszeit verbunden.
Leider schoss einer der mit der Restaurierung beauftragten Maler, Lothar Malskat, weit über das Ziel hinaus: Er ergänzte nicht nur die originalen Befunde, sondern malte ganze Partien, die besonders schlecht erhalten waren, neu. Es dauerte eine Weile, bis ihm die Denkmalpflege auf die Schliche kam. Der neu beauftragte Restaurator führte schließlich die Arbeiten fachlich angemessen und behutsam aus, so dass wir uns heute trotzdem an einer der umfangreichsten Monumentalmalereien des 14. Jahrhunderts in Deutschland erfreuen können.
Der NDR hat über den Kunstfälscher-Skandal einen Podcast veröffentlicht. Er ist unbedingt hörenswert!
https://www.ndr.de/kultur/Der-Skandal-um-Kirchenfaelscher-Lothar-Malskat-1-2,audio1532644.html
Blick in den Altarraum
Wie eine Insel ragt der Altarraum, umgeben von einem hohen Messinggitter, in den Kirchenraum hinein. Er bildet einen Raum im Raum und erstreckt sich weit in den östlichen Teil der Kirche.
Dieser Ort birgt viele Geheimnisse aus der Geschichte der Kirche. Aber eigentlich sind es keine Geheimnisse, sondern Kapitel aus der jahrhundertealten Geschichte der Kirche. Doch heute sind sie kaum noch lesbar. Spätere Jahrhunderte haben sie überschrieben, Feuer haben sie vernichtet, Kriege zerstört.
Ein Überrest, ein Abschnitt aus einem dieser Kapitel, sind die kleinen Steinskulpturen an den Pfeilern. Früher blickten sie vom Lettner hinunter direkt ins Langhaus der Kirche – direkt auf die Besucher*innen der Kirche. Heute stehen sie etwas abseits an einem Pfeiler, der viel zu groß für sie ist.
Dieser Ort ist das Herzstück der Marienkirche. Du darfst ihn gern betreten und dich umsehen. Du kannst ihn erkunden und erfahren, wie es ist, die Stufen hinaufzusteigen, auf den Altar zuzugehen und den Blick zum Kruzifix zu erheben. Das riesige mittelalterliche Sakramentshaus aus Bronze steht dann genau vor dir. Es lenkt deinen Blick unwillkürlich nach oben. Von dort ist es nur ein Wimpernschlag bis zum Kruzifix aus den 1950er-Jahren. Geschichte und Gegenwart begegnen sich.
Blick in den Wald
Zum alten Lettner gehört auch dieses kleine Detail, ein Kapitell mit Eichenlaub. Beim Brand der Marienkirche blieb es zusammen mit dem Rest des Lettners erhalten und erinnert heute an die Kunstfertigkeit, mit der Handwerker vor vielen hundert Jahren die Kirche ausgestaltet haben.
Das Kapitell ist beschädigt und geschwärzt; die Spuren der Brandnacht im Jahr 1942 sind deutlich sichtbar. So soll es auch sein. Die Marienkirche zeigt ihre vielen Wunden offen. Sie entbindet uns nicht von der Verantwortung für Gewalt und Krieg. Ihre jüngste Geschichte hat viele Kapitel der jahrhundertealten Geschichte bis zur Unkenntlichkeit überschrieben. An dieser Stelle können wir jedoch noch etwas erkennen: Eichenlaub, Eichelfrüchte und ein kleines Tier in der rechten Ecke. Kapitelle sind Orte, an denen detailreich fabuliert und ausgeschmückt wurde. Eichenlaub ist Teil der christlichen Symbolik und zählt zu den beliebten Dekorformen des späten Mittelalters.
Gitter und Schranken
Manchmal bleibt der umherschweifende Blick an einem Gitter hängen, so wie hier. Die Gitter sind echte kunsthandwerkliche Highlights. Sie trennen kleinere Räume vom großen Kirchenraum ab - so wie hier.
Diese Räume sind für uns Besucher*innen nicht zugänglich, so wie hier die Marientidenkapelle. Wie der Name bereits verrät, handelt es sich bei diesem kleinen Raum um eine Kapelle. Kapellen sind kleine Kirchen, die im Mittelalter und darüber hinaus als private Gottesdienst- und Andachtsräume genutzt wurden. Sie gehörten Familien, Ämtern oder Bruderschaften, so wie hier.
Um die Funktion der Gitter als Grenze zu verdeutlichen, werden sie als Kapellenschranken bezeichnet.
Heute gehören die Kapellen, von denen es mehrere in der Marienkirche gibt, zum gesamten Kirchenraum. Die Kapellenschranken sind jedoch historisch überliefert. Sie helfen uns dabei, die frühere kleinteilige Raumaufteilung der Marienkirche besser zu verstehen, weshalb sie nicht entfernt werden. Außerdem sind sie sehr praktisch, wenn eine Kapelle für besondere Zwecke genutzt wird, zum Beispiel die Küsterkapelle, die Seelsorgekapelle oder – wie hier – die Marientidenkapelle für kleine Andachten.
Ein besonderer Raum
Das größte Schrankenwerk der Marienkirche umgibt den heutigen Altarraum. In früheren Jahrhunderten wurde dieser Raum als „Chor“ bezeichnet. Hier stand der Hauptaltar der Kirche, zu dem ausschließlich die Geistlichen Zutritt hatten. Zusätzlich zu den Chorschranken war der Chor noch durch den Lettner vom Kirchenschiff abgetrennt.
Um die besondere Bedeutung dieses Raumes zu betonen, wurde er im 15. Jahrhundert mit einem aufwendig gestalteten Messinggitter versehen. Dieses ermöglicht es, den Blick in den Chor und auf den Altar zu richten. Das heutige Gitter ist eine Nachbildung, da das ursprüngliche Gitter im Jahr 1942 zerstört wurde.
Gitter und Schranken bilden Grenzen: Sie markieren ein Drinnen und Draußen und verlangen Regeln, die festlegen, wer eintreten darf und wer nicht. Heute sind die Chorschranken der Marienkirche jedoch durchlässig. Durch die stets geöffneten Türen können wir den Altarraum betreten und wieder verlassen. Dies entspricht dem protestantischen Glaubensverständnis.
Bei der Neugestaltung des Chorraums in den 1950er Jahren wurden drei Meter hohe Betonmauern eingezogen, die den Raum von der Umgebung vollständig abschirmten. Sie wurden 1996 abgebrochen.
Dramatische Ereignisse
Wenn du entlang der Chorrschranken Richtung Osten weitergehst, stößt du bald auf vier große Steinreliefs.
Sie befinden sich unterhalb des Gitterwerks, und an ihnen bleibt der Blick unwillkürlich hängen. Auf Augenhöhe sind hier, hell ausgeleuchtet, zum Teil höchst dramatische Szenen zu sehen.
Detailreich und emotional werden die Ereignisse der Leidensgeschichte Jesu dargestellt. Der Bildhauer hat es gut verstanden, die biblischen Erzählungen anschaulich zu inszenieren, zum Beispiel bei der Gefangennahme Jesu. Jesus ist bereits gefesselt und fügt sich seinem Schicksal. Doch sein Begleiter Petrus leistet erbitterten Widerstand: Er schlägt einem Helfer der römischen Soldaten mit voller Wucht ein Ohr ab.
Jede Figur ist individuell gestaltet: Gesichter, Hände, Kleidung, Bewegung und Gestik sind kunstvoll aus dem Stein herausgearbeitet. Sie wirken keineswegs „zu Stein erstarrt“, sondern höchst lebendig. Wie bei einem kleinen Theaterstück erleben wir das Geschehen unmittelbar mit.
Du bist eingeladen, Deinen Blick über die Steinoberfläche wandern zu lassen und immer wieder neue Details zu entdecken.
Übrigens: Die sagenumwobene Lübecker Kirchenmaus ist hier ebenfalls zu sehen – allerdings auf einem der anderen Reliefs. Wer sie berührt, soll Glück haben, so lautet die Legende. Deshalb ist die kleine Maus mittlerweile schon ganz schön dunkel geworden.
Nachdenkliche Blicke
Du befindest dich jetzt mitten im Chorumgang. Das ist, wie der Name schon sagt, der Umgang um den Chor herum. Während der Chorumgang auf der einen Seite von den Chorschranken begrenzt wird, liegen auf der anderen Seite mehrere Kapellen - die Chorumgangskapellen. In eine von ihnen hast du bereits einen Blick geworfen - die Marientidenkapelle.
Du bist aber auch schon an den 14 Kreuzen des Künstlers Günther Ücker vorbeigekommen. Da wir uns später viel Zeit nehmen werden, diese beeindruckende Arbeit anzusehen, lassen wir sie jetzt gewissermaßen "rechts" liegen. Wir gehen einfach weiter bis zur nächten Kapelle, die nicht durch ein Gitter abgesperrt ist.
Dort ziehen die Skulpturen des sogennnten Fredenhagenaltars unsere Blicke auf sich: der gekreuzigte Jesus, die trauernde Maria und der trauernde Johannes. Der Leidensgeschichte und dem Tod Jesu wird jedes Jahr am Karfreitag gedacht. Zu dieser Geschichte gehört auch die Erzählung vom Abendmahl, das Jesus am Vorabend seiner Verhaftung mit seinen Begleitern einnahm.
Eine Darstellung dieses Abendmahls finden wir nicht nur in den Steinreliefs der Chorschranken, sondern auch an der Wand der Kapelle: Das Marmorrelief zeigt, wie unterschiedlich die Menschen auf die Nachricht reagieren, dass Jesus in wenigen Stunden verraten und zum Tode verurteilt werden wird. Aufgeregt, nachdenklich, bestürzt, traurig – verschiedene Persönlichkeiten sind hier versammelt. Wie würdest du reagieren?
Ein Raum der Stille
Der abseits des Chorumgangs gelegene Raum der Stille ist für dich gedacht, wenn du Ruhe brauchst – zum Nachdenken, Gedenken oder Beten.
In der Marienkirche ist es oft recht lebhaft. Viele Menschen kommen und gehen, sprechen miteinander, tauschen sich aus oder stellen Fragen an die Mitarbeitenden. Im Raum der Stille bist du ungestört. Hier kannst du Frieden finden und dich vom unruhigen Umfeld abgrenzen – dich ein-frieden.
Das Wort „einfrieden“ ist ein altertümliches Synonym für „abgrenzen“. Beide Begriffe meinen, dass ein Raum mit eigenen Regeln abgegrenzt wird. Während „abgrenzen“ eine eher schützende oder sogar aggressive Absperrung betont, richtet sich „einfrieden“ nach innen und hebt die friedlichen Absichten hervor. Welcher Begriff ist für dich hilfreich?
Im Raum der Stille befindet sich ein großes Bild des Malers Johann Friedrich Overbeck (1789-1869). Er ist in Lübeck aufgewachsen. Berühmt wurde er als Begründer einer revolutionären Kunstbewegung, die die "Nazarener" genannt wurde. Die Bilder der Nazarener erscheinen uns heute vielleicht als "süßlich" oder garr "kitischig". Mit ihrer klaren Form- und Farbsprache und den religiösen Themen wollten sie jedoch in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kunst erneuern.
Von dem Maler kannst du im Museum Behnaus/Drägerhaus weitere Arbeiten sehen und mehr über ihn erfahrenhttps://sammlung.museum-behnhaus-draegerhaus.de/kuenstler/johann-friedrich-overbeck-3
Den Blick einfangen
Sie ist erst auf dem "Rückweg" zu sehen. Wenn du von der Gedenkkapelle im Südturm zurückgehst Richtung Ausgang, dann siehst du sie angelehnt an den mächtigen Vierungspfeiler – die sogenannte Darsow-Madonna.
Einst zog sie die Blicke der Gläubigen auf sich. Damals im 15. Jahrhundert, als sie noch auf einem Altar stand. Auf einem der zahlreichen Seitenaltäre irgendwo an einem der Pfeiler, in einer der Kapellen, an einer Wand der Marienkirche. Sie lud ein zu innerer Einkehr und Andacht. Sie machte anschaulich, was die Geistlichen in der Messe verkündeten, was in Liedern gesungen, aus Texten vorgetragen und in Gebete eingeschrieben war: die Verehrung der Jungfrau Maria als Mutter Gottes.
Sie brauchte dazu keine Worte – allein die Anmut und zarte Trauer ihres jungen Gesichtes, die Art, wie sie das Jesuskind auf ihrem Arm den Blicken der Gläubigen präsentierte, und natürlich ihr Gewand machten ihre Bedeutung für die Religiosität des späten Mittelalters deutlich. Ihr Gewand? Ja, ihr Gewand! Das Ziehen, Stauchen, Kräuseln, Schlängeln des Stoffes. Die Schüssel-, Röhren- und Zugfalten. Sie haben den alleinigen Zweck, die Aufmerksamkeit unseres Blickes über die Mutter auf das Kind zu lenken und dorthin auch immer wieder zurückzuleiten, sollte er mal abschweifen.
Seit dem Abriss der Seitenaltäre nach der Einführung der Reformation (1531) "vagabundierte" diese schöne Madonna ohne festen Ort durch den Kirchenraum. Seit 1989 steht sie auf der Konsole am südlichen Vierungspfeiler. Der Brand der Marienkirche hatte ihr übel mitgespielt – doch darüber erfährst du an anderer Stelle mehr.
Ins Gewölbe hinauf
Im Gegensatz zur perfekten Steinbildhauerarbeit der Darsow-Madonna wirken die Formsteine der Bündelpfeiler deutlich rustikaler. Unter der dünnen Farbschicht treten die Unregelmäßigkeiten der Steinoberflächen und der Fugen klar hervor. Kein Stein gleicht dem anderen. Schließlich handelt es sich um handgefertigte Backsteine aus Lehm, die in Holzformen geformt, getrocknet, gebrannt und vermauert wurden. Sofern sie noch mittelalterlichen Ursprungs sind, wurden sie von vielen Menschen bearbeitet. Handarbeit. Handwerk.
Doch hier zählt nicht jeder Stein für sich, sondern die gesamte Form und Funktion des architektonischen Elements. Jeder Stein ist nur ein Teil des Ganzen. Die Bündelpfeiler bestehen, wie der Name schon sagt, aus „Bündeln“ von Diensten. Dienste sind Stränge, die sich von den Kreuzrippen der Gewölbe über die Pfeiler bis zum Boden ziehen. Sie scheinen die Schubkraft jeder einzelnen Gewölberippe aufzunehmen und abzuleiten. Statisch betrachtet ist das zwar nicht korrekt, doch ästhetisch wirkt es sehr überzeugend.
Es sind vor allem diese vielen Dienste, die unseren Blick mit großer Kraft nach oben und wieder hinab lenken.
Auch die Form der Steine trägt dazu bei: Jeder Formstein besitzt mindestens ein birnenförmiges Profil, auf dessen Rundung eine kleine „Nase“ sitzt. Übereinandergestapelt erwecken die Formsteine den Eindruck, als läge auf einem größeren Dienst ein kleinerer. Bündelpfeiler weisen recht komplexe Anordnungen solcher Profile auf. Ihre Baumeister waren wahre Meister der Illusion.
Übrigens: In der Marienkirche werden regelmäßig Gewölbeführungen angeboten. Das ist ein echtes Erlebnis. Hier findest du die nächsten Termine.
Memento mori!
In der Marienkirche gibt es viel zu entdecken, und es sind nicht nur die Pfeiler der Arkaden und die Gewölbedienste, die unseren Blick immer wieder und an fast jedem Ort nach oben ziehen. Auch auf der sozusagen mittleren Ebene gibt es Sehenswertes.
Diese Ebene ist die der Epitaphien.
Epitaphien sind Gedenktafeln, die an Verstorbene erinnern. Sie wurden unabhängig von einer Grabstelle angebracht und bezeichnen daher kein Grab, sondern sind allein Orte der Erinnerung. Doch was für eine Erinnerung! Diese Gedenktafeln gleichen keineswegs heutigen, meist schlichten, rechteckigen Tafeln aus Metall oder Stein. Sie beeindrucken durch ihre üppigen barocken Formen, ihren reichen figürlichen oder floralen Schmuck und ihr Material. Wenn sie nicht tatsächlich aus schwarzem und weißem Marmor gefertigt sind, sollen sie zumindest so aussehen.
Sie prahlen mit Inschriften in Gold, die in Deutsch oder Latein die Leistungen, Tugenden, das Ansehen und die Würde ihrer Inhaber loben. Diese Tafeln sind Gedächtniszeichen für die "oberen Zehntausend", für die Ratsherren der Stadt.
In der Marienkirche gab es einst viele Epitaphien, sehr viele sogar. Nur wenige haben den Brand von 1942 überstanden. Heute wirken sie mit ihrer barocken Pracht in der Weite der Kirche etwas verloren. Doch hin und wieder, wenn wir unseren Blick zu ihnen erheben, schauen uns Wesen wie ein kleiner Engel, eine würdige antike Maske oder ein grinsender Totenschädel an. Als wollten sie uns sagen: Erinnere dich! Oder wie es in der Barockzeit hieß: Memento mori! Bedenke, dass du sterblich bist!
Hier erfährst du mehr über die Erinnerungskultur in der Marienkirche.
Die kleine Kirche
Und wieder stehen wir vor einem verschlossenen Raum. Er befindet sich direkt neben der Gedenk-Kapelle mit den herabgestürzten Glocken.
Diese Kapelle ist deutlich größer als die anderen, die wir bisher gesehen haben. Als einzige ist sie zum Kirchenraum hin durch ein Portal und einer Tür abgetrennt. Deshalb können wir nur durch die Scheiben in den Raum hineinschauen und uns dabei fast die Nase plattdrücken. Von dieser Position aus ist die sogenannte Briefkapelle nicht vollständig einsehbar. Dennoch können wir ihre fast schwerelos wirkende Architektur bewundern, ihre schlanken Proportionen, das fein gegliederte Netzgewölbe, die elegante Ausmalung und die Feinheit der Glasmalerei.
Die sogenannte Briefkapelle wurde nach dem Krieg mit einem Notdach versehen und bot der Kirchengemeinde viele Jahre lang Raum für ihre Gottesdienste. Heute wird sie für besondere Anlässe und als Winterkirche genutzt.
An anderer Stelle wird es Zeit und Gelegenheit geben, tiefer in die Geschichte der Kapelle einzutauchen – vor allem aber in die großartigen Glasmalereien des Künstlers Johannes Schreiter. Wenn du möchtest, kannst du das gleich jetzt tun und hier klicken oder der Navigation dieser Seiten folgen und dich noch ein wenig woanders umschauen.
Eine Kirche voller Kerzen
Immer wieder blicken kleine Wesen auf uns herab. Kinder, so scheint es, oder Engel. Diese sogenannten Putten waren vor allem in der Zeit des Barock als Dekoration für allerlei Gegenstände sehr beliebt. Auch in der Marienkirche sind sie zu finden – zumindest dort, wo noch altes Inventar erhalten geblieben ist, wie etwa an diesem Wandleuchter.
Kerzenleuchter waren in früheren Zeiten für Kirchen unverzichtbar. Über Jahrhunderte hinweg stellten sie die einzige Lichtquelle dar. Meist bestanden sie aus Messing oder Bronze, also aus feuerfesten Materialien, auf denen die Kerzen befestigt wurden. Kerzen und Leuchter wurden häufig von Gemeindemitgliedern oder Kirchenverbunden gestiftet. Je nach Größe und Anzahl der Kerzenhalter konnten sie die Geldbeutel der Stifter mehr oder weniger belasten. Hier gab es also Spielraum.
Oft werfen wir nur einen flüchtigen Blick durch die filigranen, durchbrochen gefertigten Wandleuchter, die unseren Blick nicht besonders auf sich ziehen. Doch es lohnt sich, den Blick zu verändern und die Kirche auf ihre historischen Lichtquellen hin genauer zu betrachten. Wie viele Kerzen mögen wohl nötig gewesen sein, um das Lesen der Liedtexte im Gesangbuch zu ermöglichen? Doch eigentlich war das nicht das Hauptproblem, denn den Ablauf der Gottesdienste und die Texte der Lieder kannten alle auswendig.
Und trotzdem: Wie gut, möchte man sagen, dass irgendwann die alten Buntglasfenster mit ihren überflüssig gewordenen Heiligenbildern entfernt wurden. Nun konnte das Sonnenlicht ungehindert die Kirche ausleuchten. Modernisierungen gab es eben immer.