Erinnerung und Gedenken

Die Kirche als Erinnerungsort

Er gehört dazu

Kirchen sind für viele Menschen Orte des Gedenkens und Erinnerns. Hier leuchten Kerzen für alle, die gegangen sind. Hier findest du Raum für dein Erinnern, Raum für deine Begegnung mit dem Anderen, das jenseits des Sterbens liegt. Wie auch immer du es nennst, was auch immer du spürst.

Tod und Sterben, Trauer und Verlust, Trost, Hoffnung und Zuversicht – all das gehört zum Christentum. Hier werden die Augen nicht verschlossen. Das kann erschrecken, und zugleich ermutigen, genau hinzuschauen: auf unser Leben, auf unseren Tod. Wie will ich leben? Wie kann ich leben? Wie bereite ich mich auf meinen Tod vor?

Erinnern und Fragen, Weinen und Hoffnung wagen – das kann überall geschehen. Entscheidend ist, dass es dein sicherer Ort ist. Für die meisten Menschen früherer Jahrhunderte war die Kirche eben jener sichere Ort. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Himmel – oder die Angst vor der ewigen Verdammnis in der Hölle – bewegte sie zutiefst. Christliche Werte sowie kirchliche und gesellschaftliche Normen boten einen festen Halt beim Durchqueren des Lebens. Doch eine letzte Unsicherheit blieb für alle.
Alte Kirchen bewahren dieses Suchen und Ringen, Hoffen und Zweifeln in ihren Mauern – auch unseres.

Über Gräbern errichtet

Die frühen Christen gedachten zuerst des Todes Jesu und des letzten Abendmahls mit seinen Jüngern. Dieses Mahl feierten sie in Gemeinschaft, meist in Privathäusern. Erst als das Christentum im Römischen Reich zur "Staatsreligion" wurde, wurden öffentliche Versammlungsorte gebaut - die Kirchen.
Die ersten Kirchen errichete man über den Gräbern von Märtyrern und Heiligen, die den Christenverfolgungen zum Opfer gefallen waren. Diese Kirchen erinnern an die Zeugen und Vermittler des christlichen Glaubens. - Eine der berühmtesten Grabkirchen ist sicher der Petersdom in Rom. Er wurde über dem Grab des Apostels Petrus erbaut.
Die Todestage dieser Glaubenszeugen wurden zu Gedenktagen der jungen, sich formierenden christlichen Kirche, denn der Tod galt als Beginn des ewigen Lebens – des Lebens im Reich Gottes.

Darauf kam es an! Der Tod war im Christentum stets mit der Hoffnung auf Auferstehung verbunden. So wie Jesus Christus nach drei Tagen von den Toten auferstanden war, sollten auch die Seelen der Gerechten und Heiligen im Reich Gottes weiterleben. Der Triumph über den Tod ist jedoch an eine Voraussetzung gebunden, nämlich die Gnade Gottes.

Kirchen als Begräbnisstätten

Viele Jahrhunderte lang wurden Kirchen auch als Begräbnisstätten genutzt. Diese Praxis ist in vielen alten Kirchen heute noch an den Grabsteinen im Boden und an den Wänden sichtbar. Oftmals wurden bei Renovierungsarbeiten alte Grabplatten vom Boden aufgenommen und an den Wänden montiert. Auf diese Weise können bisher noch gut erhaltene Reliefs und Inschriften bewahrt werden. Das Schicksal der meisten Grabplatten ist ein langsamens Abschleifen der eingemeißelten Inschriften und Bilder bis zur Unleserlichkeit.

In der Marienkirche sind nur noch wenige Grabplatten zu finden. Das liegt daran, dass der alte Kirchenboden bei den Wiederaufbaumaßnahmen erneuert wurde. Viele der alten Grabsteine wurde für die Erhöhung des Chorraumes verwendet.

Die Katharinenkirche in der Königstraße bietet einen großartigen Einblick in diese Begräbniskultur. Ihr Fußboden ist fast ausschließlich mit Grabplatten aus mehreren Jahrhunderten belegt.  Hier können Sie sich über die Museumskirche St. Katharinen informieren https://museumskirche.de/

Soziale Hierarchie

Grabstellen in den Kirchen waren sehr begehrt. Je näher am Altar, desto näher bei Gott, so lautete die Vorstellung. Doch wer in einer Kirche begraben werden wollte, musste dafür bezahlen.
Es konnte sich natürlich nicht jede Person leisten, im Haus Gottes die ewige Ruhe zu finden. Grabstellen im Altarraum waren zudem nur den Geistlichen und Würdenträgerinnen und Würdenträgern der Gemeinden vorbehalten. In den alten Kirchen wird somit eine traditionelle, strenge soziale Hierarchie sichtbar.

In einer Kirche gab es nicht unbegrenzt Platz für die Toten. An manchen Orten wurde geradezu „gestapelt“. Ohne die heutigen Vorschriften zu Hygiene, Bestattungstiefe und Totenruhe war diese Begräbnispraxis mit gesundheitlichen Risiken verbunden und ging mit einem, sagen wir, recht robusten Umgang mit Skelettteilen einher. Auch für die Statik der Kirchen konnten die zahlreichen Grüfte unter dem Boden und an den Fundamenten erhebliche Probleme verursachen.

"Ich will meine Ruhe"

Die Marienkirche besitzt viele Kapellen. Sie ziehen sich wie kleine Anbauten entlang der nördlichen und südlichen Seitenschiffe sowie um den Chorumgang herum. Im Mittelalter dienten sie als private liturgische Räume für Gottesdienste, Heiligenverehrung und Versammlungen. Mit der Einführung der Reformation verloren sie diese Funktion, denn nun gab es nur noch einen Altar und einen gemeinsamen Gottesdienst in der „großen“ Kirche.

Im Zuge des verstärkten Totengedenkens im Kirchenraum, geprägt durch Grablegen und Epitaphien, erhielten die Kapellen eine neue Nutzung als Grabkapellen. Sie blieben durch Gitter vom restlichen Kirchenraum abgetrennt. Zugang hatten nur die Kapellenbesitzer.
Die Gestaltung dieser Gitter passte sich jeweils dem zeittypischen Geschmack an, ebenso wie die Ausgestaltung der Grablegen.

Im Lübecker Dom und in der Katharinenkirche sind bis heute prächtig ausgestattete Grablegen erhalten geblieben. In der Marienkirche dagegen haben die Zerstörungen von 1942 nur einzelne Teile und Fragmente dieser Grabstätten überdauert.

Auferstehung der Toten

Alte Kirchen sind also auch Orte der Sichtbarkeit - für wohlhabende Menschen. Sie konnten sich nicht nur eine Grabstätte in der Kirche, sogar in der Nähe des Altars, leisten, sondern auch Geld für ein Gedenkbild, ein Epitaph, ausgeben.
Epitaphien sind nicht unmittelbar mit einer Begräbnisstätte verbunden. Sie können, müssen aber nicht die Grablege im Kirchraum anzeigen.

Epitaphien können bemalte Holztafeln mit einem einfachen architektonischen Rahmen sein. Sie können aber auch aus Holz oder Stein aufwendig gestaltet und dekoriert sein, zum Beispiel mit einem Porträt des Verstorbenen oder mit Steinskulpturen und -reliefs. Immer kündigt eine Inschrift an, für wen das Epitaph gesetzt wurde. Die Lebensdaten sind selbstverständlich angegeben, und oft werden die gesellschaftliche Stellung, die Lebensleistungen sowie die Frömmigkeit des Verstorbenen dargestellt. Wir nachfolgenden Generationen sollten die Verstorbenen in rechter Erinnerung bewahren.

Mit dieser Begräbnis- und Gedächtniskultur war die Hoffnung auf "Auferstehung der Toten und das ewige Leben" verbunden, so heißt es im christlichen Glaubensbekenntnis. Ein beliebtes Motiv für Epitaphien war daher die Erweckung des Lazarus. Auf dem Relief oben siehst du, wie Jesus, unten links, seinen Arm erhebt und mit dieser Geste den toten Lazarus, der von zwei Männern aus seinem Sarkophag gehoben wird, zum Leben erweckt. Die Erweckung des Lazarus gehört zu den Wundertaten Jesu. Hier kannst du die Geschichte nachlesen: https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JHN.11

"Bedenke, dass du sterblich bist"

Der Innenraum der Marienkirche war einst über und über mit Epitahien ausgestattet. An den Wänden der Seitenschiffe und an den Pfeilern des Langhauses hingen sie dicht gedrängt und repräsentierten die verstorbenen reichen Kaufleute, Ratsherren und Bürgermeister. Es war eine „geschlossene Gesellschaft“, in die niemand hineinkam, der nicht über Geld, Macht und Einfluss verfügte.

Diese Epitaphien waren prachtvoll, von hoher Qualität und wertvoll. Hier arbeiteten keine einfachen Handwerker, sondern Bildhauer mit großen Werkstätten. Einige hatten ihr Handwerk in flämischen Werkstätten erlernt. Meisterhaft setzten sie den flämischen Barock in Norddeutschland um, arbeiteten virtuos mit schwarzem und weißem Marmor oder imitierten ihn mit Holz.

Im 17. und 18. Jahrhundert scheute man sich nicht vor makabren oder „gruseligen“ Darstellungen: Totenköpfe grinsen von oben herab, Skelette tänzeln über die Rahmen. Kleine Engel mit Sanduhren, umgedrehten Fackeln und Uhren symbolisieren die Vergänglichkeit. "Memento mori – bedenke, dass du sterblich bist". Mit dieser Wahrheit wurde jeder konfrontiert.

Bürgermeister Gotthard Kerckring starb 1705. Nur wenige Jahre später wurde in der Marienkirche ein prachtvolles Epitaph für ihn gesetzt. Im Mittelpunkt das repräsentative Porträt eines Würdenträgers. So wollte und sollte er gesehen werden - bis in alle Ewigkeit. Der Mahnung "memento mori" zum Trotz.

Licht des Lebens 

Heute sind fast alle dieser Epitaphien zerstört. Verbrannt. Zerborsten im Feuer 1942. Die Erinnerung an sie bleibt in historischen Fotographien bewahrt. Sie haben nach wie vor eine große kunst- und kulturgeschichtliche Bedeutung. Sie sind Fenster zu einer längst vergangenen Zeit. 

Heute ist Platz für eine Gemeinschaft, in der Reichtum und politischer Einfluss nicht im Kirchenraum sichtbar sein müssen. Erinnern und Gedenken darf privat bleiben und zugleich für alle zugänglich sein. In vielen Kirchen gibt es daher Lichterbäume oder Kerzenständer in allen möglichen Größen und Formen. Du kannst hier Kerzen anzünden für all jene, an die du denkst.

Kerzen gehören seit Jahrhunderten zum christlichen Ritus. In der Bibel heißt es "Ich bin das Licht der Welt" (Evangelium nach Johannes, Kapitel 8, Vers 12). Dieses Licht wird seit jeher durch eine Kerze symbolisiert.
Wenn du deine Kerze anzündest, dann steht dir dafür eine größere Kerze zur Verfügung. Sie symbolisiert das gemeinsame und eine Licht der Welt. Ihr Licht wird durch dich weitergegeben und vermehrt. 

Kerzen sind aber nicht nur ein uraltes Symbol des Christentums: Sie sprechen uns alle an, egal ob und welcher Religion wir angehören. Kerzen tragen Licht und Wärme in die Welt. Und: wir müssen sorgsam mit ihnen umgehen ...

Gedenken an Krieg und Tod

In vielen Kirchen finden sich noch heute Gedenktafeln oder Denkmäler für gefallene Soldaten, vor allem aus dem Ersten Weltkrieg. Diese entstanden in einem nationalen Pathos und verherrlichen häufig Krieg und den Tod der Soldaten. Dieses Erbe einer nationalistischen Erinnerungskultur ist heute, nicht nur im Kirchenraum, problematisch. Die moderne christliche Kirche versteht sich als Friedenskirche, die zum Dialog und zur Versöhnung aufruft. Kriegverherrlichende Sinnsprüche passen deshalb hier nicht hinein. Ganz anders verhält es sich mit dem Gedenken an die Toten – meist junge Männer, deren Leben viel zu früh endete. In diesem Sinne sind die Gedenktafeln Zeugen der Vergangenheit. Auch wenn sie auf eine heute nicht mehr zeitgemäße Weise gestaltet sind, erinnern sie doch eindringlich an die Sinnlosigkeit und den Schrecken des Krieges.

Kriegerdenkmäler sind ein Stein des Anstoßes und regen zu Diskussionen an. Hier kannst du dich in das Thema einlesen und weiter informieren  https://www.evangelisch.de/inhalte/89959/17-11-2013

In der Marienkirche hat man für die Gedenktafel zum Ersten Weltkrieg eine besondere Lösung gefunden. Die Erinnerungstafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten wurde durch eine Installation des Künstlers Günther Uecker erweitert. Dieses Kunstwerk spiegelt auf eindrucksvolle und universelle Weise die Verletzlichkeit des Menschen wider. Hier kannst du mehr über das Werk erfahren.

Die Gedenktafel für die Toten des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 befndet sich in der Kapelle, in der auch die restlichen Figuren des Fredenhagen-Altars stehen.

Ein Ort der Erinnerungskultur

Mit der Gedenkkapelle unter dem Südturm besitzt die Marienkirche einen außergewöhnlichen Ort der Erinnerung. Nicht eine Künstler*in hat diesen Raum gestaltet, sondern die sinnlose Gewalt des Krieges selbst. Die Wucht, mit der die Glocken aus dem Südturm herabstürzten, ist bis heute spürbar. Zerborstene Glocken, zentnerschwere Kolosse, eigentlich unzerstörbar, und der eingestürzte Fußboden – sie tragen die zerstörerische Energie für immer in sich. Für ihre Betrachtung braucht es keine Worte.

In der Nordwand der Kapelle ist eine kleine Nische eingelassen, darin das beühmte Nagelkreuz der Community of Cross of Nails. Es ist ein Zeichen der Versöhung, das auf Dompropst Richard Howard von Coventry zurückgeht. Hier erfährst du mehr über das Nagelkreuzzentrum in der Marienkirche.

Auf der Gegenüberliegenden Seite erinnert ein Gemälde des Künstlers Armin Mueller-Stahl an Eric M. Warburg, den "Retter Lübecks". Durch sein beherztes Eingreifen wurde ein zweiter Bombenangriff auf die Stadt verhindert. Hier erfährst du mehr über Eric M. Warburg

Eine Momentaufnahme

Dieses Porträt ist kein Epitaph. Es handelt sich nicht um ein Gedenkbild für einen Verstorbenen. Eric M. Warburg starb 1990, doch das Porträt wurde nicht geschaffen, um zu seinem Gedenken im Kirchenraum aufgehängt zu werden. Das ist heute unüblich. Dennoch folgt der Künstler Armin Mueller-Stahl in dem Text, den er dem Porträt Warburgs hinzufügt, der Tradition eines Epitaphs. Es ist eine Würdigung der dargestellten Person.

Das Bild gehört zu einer Reihe von Porträts, die unter anderem an jüdische Künstler*innen erinnern. Armin Mueller-Stahl fertigte diese Porträts nicht im Auftrag an, sondern aus eigenem Interesse. Er setzte sich intensiv mit jeder einzelnen Persönlichkeit auseinander, wählte Ausschnitt, Farbe und Linienführung nach seiner eigenen Inspiration. Damit unterscheidet sich das Bild grundlegend von dem Auftragsporträt, das 1707 zur Erinnerung an den Bürgermeister Gotthard Kerckring entstand. Zwischen beiden Bildnissen liegen Jahrhunderte. Beide würdigen die dargestellten Personen, doch die „Handschrift“ ist eine völlig andere: Mueller-Stahl legt die Farbe mit breitem Pinselstrich über die Porträtskizze. Er führt den Pinsel rasch und spontan über das Papier. Das Gesicht Warburgs scheint sich in der Flüchtigkeit der Skizze zu verfestigen und doch in ständiger Bewegung zu bleiben. Dieses Porträt ist eine Momentaufnahme eines Lebens und das Ergebnis eines subjektiven Blicks. Mueller-Stahl malte Eric M. Warburg so, wie er ihn sah und was er in ihm wahrnahm.
Für einen Porträtisten des 18. Jahrhunderts wäre dies undenkbar gewesen. Gotthard Kerckring zeigt sich uns, wie er gesehen werden wollte – für alle Ewigkeit. Das Gemälde arbeitete gegen die Vergänglichkeit an.

Das Porträt Eric M. Warburgs erinnert an seinem heutigen Standort an sein mutiges und beherztes Eintreten für Lübeck. Es dominiert nicht unseren Blick in die Kapelle und auf die Glocken. Es begleitet ihn. Nicht die Person Warburg steht im Mittelpunkt, sondern das Gedenken an den Mut und die Versöhnungsbereitschaft mehrerer Menschen und die Mahnung Hass und Gewalt keinen Raum zu geben.