Holz

Unverzichtbar

Immer und überall

Holz ist für unsere Kirchen unverzichtbar, besonders in den älteren Gebäuden. Es begegnet uns überall: sichtbar als Material für Kunstwerke und Ausstattungsgegenstände, als Baustoff beispielsweise in der Dachkonstruktion oder auch unsichtbar als Hilfsmittel beim Bau und bei der Herstellung von Werkstücken.

Leider sind heute kaum noch Werkstücke aus Holz in der Marienkirche zu finden. Der überaus reiche Bestand an hölzernen Skulpturen, Flügelaltären, Gestühlen und Epitaphien (Gedenkbildern) aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit ist 1942 verbrannt. 

Alle Werkstücke aus Holz, die wir  heute in der Marienkirche finden können, sind später entstanden.
Direkt gegenüber dem Haupteingang fällt unser Blick auf das erste Kunstwerk aus Holz – den Abendmahlstisch. Er wurde 1984 vom Nürnberger Bildhauer Heinz Heiber geschaffen.

Ein besonderes Holz

Das Holz ist dunkel, die Oberfläche glänzt. Aus der Entfernung wirkt der Tisch, als bestehe er aus Metall – vielleicht sogar aus Bronze. Doch tatsächlich handelt es sich um Holz. Ein ganz besonderes Holz. Der Bildhauer hat sich für eine tropische Holzart aus Afrika entschieden: das Iroko, auch Kambala genannt. Dieses Holz ist außergewöhnlich widerstandsfähig. Mit der Zeit dunkelt seine Farbe nach und nimmt einen tiefen Olivbraunton an. Iroko ist sehr hart und langlebig. Es lässt sich nicht einfach „in Form bringen“, sondern widersteht der Bearbeitung regelrecht und fordert so eine besondere Kraft bei der Verarbeitung.

Komm doch näher

An manchen Stellen sind die angeschnittenen Poren des Holzes deutlich zu erkennen, doch dafür muss man sich dem Werk etwas nähern. Vielleicht denkst du, dass man Kunstwerke meist aus einer gewissen Entfernung betrachten sollte. Doch in diesem Fall wäre das sehr schade. Denn das Werk von Heinz Heiber lädt nicht nur zur Betrachtung aus der Distanz ein, sondern auch zum genauen Hinsehen aus der Nähe.

Je nachdem, aus welchem Blickwinkel du den Tisch umrundest und mit den Augen abtastest, entdeckst du immer neue Details. Aus der Nähe wirkt der Tisch mit der emporragenden Skulptur nicht mehr starr und blockhaft. Die Oberfläche zeigt eine feine Strukturierung, die zum einen durch das Material selbst entsteht und zum anderen durch die Bearbeitung mit verschiedenen Beiteln. Jede Riffelung, jede Wellenform offenbart die Hand des Künstlers. Sie sind sozusagen seine persönliche „Handschrift“.

Eine künstlerische Aussage

Die Wahl des Materials ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung: ein langlebiges Holz, das widerstandsfähig ist. Diese Eigenschaften spiegeln das Motiv wider: Es fällt nicht immer leicht, an die Gnade Gottes zu glauben und das Leiden sowie den Tod Jesu zu akzeptieren. Glaube kann ein Ringen sein – ein Suchen nach Antworten, nach Form und Gestalt.
Diese Antworten sind nicht immer leicht zugänglich. Sie können irritieren, manchmal sogar hart erscheinen. Doch immer geschieht das in vollster Hingabe – genau wie die weit ausgestreckten Arme und weit geöffneten Hände.

Holz ist zudem das Material, aus dem die einfachen Tische der frühen Christen gefertigt wurden, an denen sie ihr Erinnerungsmahl für Jesus hielten. Es ist sozusagen das Material für einen Tisch schlechthin.
Aber Holz steht nicht nur für einen Tisch, sondern auch für das Kreuz, an dem Jesus starb.

Früher war Eiche das bevorzugte Holz für Skulpturen im Kirchenraum, weil sie in der Region leicht verfügbar und besonders widerstandsfähig war. Diese Skulptur hingegen besteht aus afrikanischem Holz. Sie hat also internationale Wurzeln – auch das ist eine bewusste künstlerische Aussage.

Was würde sich für dich ändern, wenn der Abendmahlstisch aus einem anderen Material, zum Beispiel aus Bronze wäre?

Ein beliebter Werkstoff

Holz war und ist in unserer Region ein leicht verfügbarer Werkstoff. Doch Holz ist nicht gleich Holz. So wie Heinz Heiber sich bewusst für eine afrikanische Baumart entschieden hatte, war, wie bereits erwähnt, Eichenholz das bevorzugte Material für Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Es ist ein Hartholz und besonders widerstandsfähig gegen Holzwürmer.
Alle Holzarten sind jedoch vor allem eines: ein Naturprodukt und ein nachwachsender Rohstoff.

Heute begeistern uns am Holz seine Stabilität, die vielfältigen Bearbeitungsmöglichkeiten und vor allem die Ästhetik der Oberfläche. Die Farbigkeit des Holzes fügt sich – über alle Arten hinweg – harmonisch in unsere modernen Räume ein. Die dekorativen Maserungen werden dabei bewusst als Gestaltungselement genutzt. Holz ist ein „lebendiger“ Werkstoff, der die Natur in unsere Innenräume holt.

Der Künstler Günther Uecker hat diese Eigenschaft des Holzes in seiner Installation „Verletzungen und Verbindungen“ ebenfalls aufgegriffen, jedoch auf eine ganz andere Weise als Heinz Heiber.

Scheitern

Günther Uecker zeigt uns die natürliche Beschaffenheit des Werkstoffs Holz ganz ungeschönt. Er verwendet keinen Beitel, um die Oberfläche zu formen, und er poliert sie auch nicht. Wir blicken auf die raue Oberfläche von gesägten, unbehandelten Vierkanthölzern – Werkstoffe, wie man sie aus dem Baumarkt kennt.

Was mit diesem Holz passiert, wenn es längere Zeit Regen, Schnee, Sonne und Wind ausgesetzt ist, verschweigt er nicht. Unbehandeltes Holz wird mit der Zeit morsch. Es kann brechen. Zersplittern. Die Holzfasern bestimmen die Art des Splitterns, ebenso wie die äußeren Einflüsse. Zersplittertes Holz verliert seinen Nutzen. Es zeigt seine Instabilität und kann sogar Verletzungen verursachen.
Ein zersplittertes Holzstück, ein sogenanntes Scheit, eignet sich nur noch zum Wegwerfen oder Verbrennen.

Das Wort „scheitern“ leitet sich vom Zersplittern von Holz ab. Ein Scheit ist ein Stück Holz – ein herausgebrochenes Fragment. Scheitern bedeutet daher das endgültige Ende eines Versuchs, ein unüberwindbares Hindernis. Scheitern ist endgültig.

Verbindungen

Günther Uecker nannte seine Installation mit 14 Kreuzen und Kreuzfragmenten "Verletzungen und Verbindungen". Er wollte uns also nicht nur die Verletzlichkeit der Natur und des Menschen ungefiltert vor Augen führen, sondern auch den Versuch zu heilen - Verbindungen. 

Dafür nutzte er Stoffstreifen, die er mit weißer Farbe anstrich. Sie erinnern an medizinisches Verbandsmaterial. Die Verbände wickeln sich um die Vierkanthölzer, umhüllen das nackte Holz und schaffen eine Verbindung zwischen Kreuzstamm und Kreuzbalken – genau im Zentrum.

Uecker wählte bewusst keinen beliebigen Stoff, keine moderne, pflegeleichte Synthetikfaser, keine kostbare Seide oder aufwendig gewebtes Material. Er benutzte Leinen, einen Stoff, der seit Jahrtausenden für Kleidung genutzt wird. Zudem trägt er auf die Stoffstreifen weiße Farbe auf – die Farbe der Reinheit, des Neubeginns. Weiß ist außerdem die Grundierung, die Maler*innen traditionell auf die Leinwand auftragen, bevor sie mit dem Malen beginnen.

Das Material als künstlerische Aussage

Für Günther Uecker war das Material ein wesentlicher Teil seiner künstlerischen Aussage: Holz, Leinen und vor allem die für ihn typischen Nägel. Mit ihnen formte er Kreuze – nicht nur eines, das die Kreuzigung Jesu symbolisiert, sondern viele. Das Kreuz vervielfältigt sich hier fast unendlich.

Uecker stellte diese Kreuze in eine Kirchenruine und setzte sie dort zwei Jahre lang Wind und Wetter aus. Was mit ihnen geschah, überließ er dem Zufall. Jedes Kreuz verwitterte auf seine ganz eigene Weise. So begegnet uns heute eine Gruppe von Unikaten, gezeichnet von den Spuren zweier Jahre – einzigartig und doch einander ähnlich. Vielleicht ähnlich wie wir Menschen.

Diese Installation entstand anlässlich der Expo 2000 in Hannover. Dort verblieben die Kreuze und wurden schließlich – oder vielleicht auch mitten im Verwitterungsprozess – von der Gemeinde der Marienkirche erworben. Dank ihrer kleinen fahrbaren Untersätze konnten sie mühelos von einem Ort zum anderen transportiert werden und fanden in der Lübecker Kirche ihren heutigen Platz. Die Kreuze tragen ihre Wagen noch immer und könnten jederzeit umgestellt werden. Doch auf Wunsch des Künstlers sollen sie genau dort bleiben, wo sie jetzt stehen: dicht gedrängt, um Raum und Gehör ringend.
Wohin würdest du die Kreuze stellen? Wo ist für dich ihr Platz? Wo gehören sie für dich hin - als Gruppe oder einzeln?

Gold sticht Holz

Im 20. Jahrhundert gewinnt das Material als Träger künstlerischer Aussagen eine zentrale Bedeutung. Das Abendmahlstisch von Heinz Heiber und die Installation „Verletzungen und Verbindungen“ von Günther Uecker zeigen, wie das verwendete Holz bewusst in seiner Eigenart nicht nur die Gestaltung prägt, sondern auch die inhaltliche Aussage verstärkt. Ein solches Vorgehen, in dem das Holz als künstlerisches Medium gewürdet wird, ist in der Kunstgeschichte nicht selbstverständlich. 

Im Mittelalter beispielsweise wurde Holz zwar als leicht verfügbares und kostengünstiges Material sehr geschätzt. Man nutzte es für Skulpturen und Reliefs, als Bildträger für Tafelbilder sowie für Schreine und Kastenflügel von Flügelretabeln. Doch man setzte alles daran, das Holz zu verbergen. Es sollte nicht der vergängliche Rohstoff aus der Natur sichtbar sein, sondern eine bunte und goldglänzende Hülle. Nicht der Holzkern war entscheidend, sondern die Bemalung. Gold stand als Symbol für das göttliche Licht, während die Farben dessen Wirkung auf irdische Dinge reflektierten. Die Farbe erweckte die Figuren zum Leben und setzte das göttliche Wort eindrucksvoll in Szene.

Den mittelalterlichen Handwerkern auf der Spur

Wie gut, dass auch diese wunderbaren mittelalterlichen Werke dem Zahn der Zeit nicht ganz trotzen: Die Vergoldungen und Farbschichten beginnen abzuplatzen, und was dann zum Vorschein kommt, ist oft weitaus spannender als die bunte Oberfläche. Denn jetzt kommen wir den mittelalterlichen Handwerkern buchstäblich auf die Spur.

Wir können erkennen, wie dick die Farbschicht tatsächlich aufgetragen ist. Dabei ist nicht die Farbschicht selbst dick, sondern die Grundierung aus Leim und Kreide. Diese Kreideschicht schafft einen einheitlichen, weißen Untergrund für die Malerei. Für die Vergoldung bildet sie einen elastischen Untergrund, der es erlaubt, das Gold zu polieren und mit Mustern zu verzieren. Zudem schützt der Kreidegrund sowohl die Farbschicht als auch die Vergoldung vor den natürlichen Bewegungen des Holzes.
Außerdem fällt auf, dass unter dem Kreidegrund an manchen Stellen kleine Stücke Leinwand auf das Holz geklebt wurden. Sie überbrücken Astlöcher und kleine Schwundrisse, die während der Trocknungsprozesse vor der eigentlichen Bemalung entstanden sind.

All diese Details zeigen, was man vermeiden wollte: die Bewegung des Holzes durch wechselnde Luftfeuchtigkeit, Astlöcher, Risse, die dunkle Farbe des Holzes und seine Maserung.
Wären die mittelalterlichen Bildschnitzer heute Zeugen der Werke von Heinz Heiber und Günther Uecker, wären sie vermutlich entsetzt. Andererseits könnten sie auch fasziniert sein von den radikalen gestalterischen Möglichkeiten, die der Naturstoff Holz heutzutage bietet.

Über mittelalterliche Werktechniken wie die Bildschnitzerei und die Vergoldung erfährst du hier mehr
https://www.kunst-geschichte-kirche.de/vertiefen/werktechniken-bildschnitzer/

https://www.kunst-geschichte-kirche.de/vertiefen/werktechniken-vergoldung/

Ein vielseitiger Baustoff

Holz ist nicht nur seit Jahrtausenden ein Werkstoff für Kunstwerke, sondern natürlich auch ein Baustoff. Aus ihm wurden Häuser, Schiffe und in der Frühzeit auch Kirchen gezimmert. Später als sich Feld- und vor allem Backsteine als Baustoffe für Gebäude aller Art durchsetzten, blieb Holz der wichtigste Hilfsbaustoff zum Beispiel bei der Errichtung der Kirchen.

Der Bau der Marienkirche ist ohne die bis zum Dach reichenden Holzgerüste, Arbeitsbühnen, die hölzernen Kräne und Antriebsräder nicht denkbar. Mit Holz wurde Technikgeschichte geschrieben - und Kunstgeschichte: Auf hölzerne Lehrgerüsten wurden die einfachen und komplizerten Rippengewölbe der gotischen Kirchen aufgemauert. Da ist es nicht verwunderlich, dass im Bauboom der gotischen Kathedralen im 13. und 14. Jahrhundert das Holz knapp wurde.