Kirche oder Museum?

Gedanken zur Marienkirche

Ein Museum?

Nein, die Marienkirche ist kein Museum, auch wenn am Eingang Eintritt verlangt wird. Sie ist kein Museum. Ein Museum ist eine Einrichtung, deren Aufgabe es ist, Kulturgüter systematisch zu sammeln, zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Außerdem werden die Sammlungsobjekte erforscht und in geeigneten Vermittlungsangeboten präsentiert. Diese Aufgaben erfüllt die Marienkirche nicht.

Sie ist eine Kirche. Ihre Aufgabe ist es, ein Raum für die Begegnung zwischen Mensch und Gott zu sein – sei es im gemeinsamen Gottesdienst, in der Andacht oder im privaten Gebet. Dieser Raum steht allen offen, die Interesse haben – an Gott, an der Gemeinschaft, an Menschen und auch an einem beeindruckenden historischen Gebäude.

Dass die Marienkirche ein kunst- und kulturgeschichtlich bedeutender Bau der norddeutschen Backsteingotik ist, weshalb sie „Mutter der Backsteingotik“ genannt wird, einst Ratskirche von Lübeck war und überaus reich ausgestattet ist, ist Zufall. All dies gehört nicht zu ihrer Aufgabe als Kirche.

Zufall

Natürlich ist es kein Zufall, dass die Marienkirche früher sehr reich ausgestattet war, zum Beispiel mit bedeutenden Sandsteinreliefs des Bildhauers Heinrich Brabender (*1467 + um 1537) und der sogenannten Darsow-Madonna und dem Fredenhagenaltar und ... und .... Schließlich war sie die "Ratskirche". Zu ihrer Gemeinde gehörten die wohlhabendsten und einflussreichsten Familien in ganz Lübeck. So viel Geld spiegelt sich selbstverständlich in den Stiftungen wider, die für die Kirche gemacht wurden.

Und natürlich ist auch die Größe und Pracht der Architektur kein Zufall. Schließlich war die Marienkirche, wie schon erwähnt, die "Ratskirche". Mit der Bedeutung der Stadt für den Ostseehandel wuchsen nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das Selbstbewusstsein der Stadt und des Rates gegenüber dem Bischof und dem Domkapitel. Da konnte als Vorbild für die wichtigste Stadtpfarrkirche vor Ort nur die französische Kathedralarchitektur dienen.

Aber wie gesagt: All das ist nicht erforderlich für die eigentliche Aufgabe einer christlichen Kirche. Auch eine noch so kleine Dorfkirche mit einfachem Gestühl, einem schlichten Altar, einem schlichten Taufbecken und einem Lesepult ist eine Kirche. Mehr braucht es nicht für den Versammlungsort der christlichen Gemeinschaft, für Gottesdienst und Gebet.

Was da ist

Aber sie sind nun einmal da - diese großartige Architektur, die Reste der einstmals so prächtigen Kirchenausstattung. Auch wenn sie für das moderne Verständnis des evangelisch-lutherischen Christentums streng betrachtet nicht wichtig sind, gilt es doch sie zu bewahren.

Denn natürlich waren sie notwendig in ihrer Zeit - all diese Stiftungen. Sie boten den Menschen neben Gottesdienst und Gebet die Sicherheit, von Gott und den Heiligen in ihrem Glauben gesehen zu werden. Sie tragen die Hoffnung der Menschen in sich, der ewigen Verdammnis zu entkommen und ins Reich Gottes aufgenommen zu werden. Diese Stiftungen sind frommes Gotteslob und Repräsentationsobjekte gleichermaßen.
Und sie sind Zeichen der Zuversicht, dass die Verstorbenen den Lebenden in Erinnerung bleiben - jeden Augen-Blick, in denen das gestiftete Kunstwerk im Kirchenraum gesehen wird. - Auch das ist Kirche über die Jahrhunderte hinweg.

Und genau hier kann Kirche zum "Museum" werden, weil sie Kunst- und Kulturgüter bewahrt, die geschichtliche Bedeutung besitzen, aber kaum mehr Aussagekraft für den heutigen christlichen Glauben. 

Eine "Brücke" zwischen Gestern und heute bauen die vielen Kirchenführungen in der Marienkirche. Es gibt viel zu entdecken! Hier kommst du zu den Angeboten.

Viele Jahrhunderte alt

Was vorhanden ist, ist in vielen Fällen bereits mehrere Jahrhunderte alt. Dabei hat nicht nur der Brand im Jahr 1942 den Kunstwerken schwer zugesetzt und die meisten von ihnen sogar vollständig zerstört, auch der viel zitierte „Zahn der Zeit“ hat hier wie überall stark genagt.
Um die alten Werke zu erhalten, benötigen sie Fürsorge und finanzielle Mittel. Mit öffentlichen Mitteln, Stiftungsgeldern sowie auch durch deinen Eintritt in die Marienkirche wird dieses fortwährende Projekt zur Erhaltung der Kunstwerke und des Gebäudes finanziert.

Mit diesen Sanierungs- und Restaurierungsprojekten bemüht sich unsere Gegenwart darum, die Zeugnisse der Vergangenheit für nachfolgende Generationen zu bewahren. Der Gedanke, alte Dinge in die Zukunft zu überliefern, ist sehr alt. In früheren Jahrhunderten standen dabei vor allem die großen Traditionslinien im Zentrum. Das Bedeutende – was immer das auch sein mochte – sollte bewahrt werden. Heute sehen wir das anders: Wir erhalten möglichst viele Zeugnisse aus der Vergangenheit, um ein umfassendes Bild von ihr zu gewinnen. Wie haben die Menschen früher gelebt? Was war ihnen wichtig? Wie haben sie geglaubt?

Kirchen sind von unschätzbarem Wert für das Verständnis der Vergangenheit. Sie waren viele Jahrhunderte lang ein Teil des Alltagslebens der Menschen – unabhängig davon, ob sie reich oder arm waren.

Grabungen und Dokumentationen

In der Marienkirche wird auch geforscht – so erst kürzlich. Im Rahmen der aktuellen Sanierungsmaßnahmen wurden im Chorraum archäologische Grabungen durchgeführt. Die Arbeit der Archäologen führte tief in die Geschichte der Marienkirche hinein. Was für eine großartige Gelegenheit, mehr über historische Bestattungen in der Kirche, die Baugeschichte und frühere Ausstattungen zu erfahren.

Ebenso beeindruckend ist, dass Besucherinnen und Besucher über das Grabungsprojekt und die neuesten Erkenntnisse informiert werden – auch wenn die Informationstafeln direkt neben dem Altar standen. Doch das macht nichts! In der Marienkirche kannst du Gott überall begegnen, nicht nur am Hauptaltar. Vielleicht begegnest du ihm genau hier – in der Tiefe der Geschichte der Marienkirche, mitten in alten Gräbern, zerborstenen Steinen und Backsteinmauern.

Ausstellungen

In der Marienkirche werden auch Ausstellungen gezeigt. Dazu gehören Ausstellungen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Ebenso finden Austellungen von Künstler*innen statt, deren Werke einen direkten Bezug zur Marienkirche haben oder christliche Werte widerspiegeln.
Darüber hinaus ist eine ständige Ausstellung zur Geschichte der Marienkirche zu sehen, die sich mit den Ereignissen in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 beschäftigt, der Nacht ihrer Zerstörung.

Die Marienkirche ist somit auch ein Ausstellungsort. Bedeutet das, dass sie ein Museum, eine Galerie oder ein Informationszentrum ist? Nein. Sie ist und bleibt eine Kirche. Eine Kirche mit überregionaler kunst- und kulturgeschichtlicher Bedeutung. Mit den aktuellen Ausstellungen bringt sie gesellschaftspolitisch relevante Themen in den Kirchenraum. Auch das gehört zum christlichen Selbstverständnis: aktuelle Themen aufgreifen, informieren, neue Perspektiven eröffnen und zum Austausch einladen.

Eine Bitte

Kirche und Museum ähneln sich in vielerlei Hinsicht, auch darin: Die Kirche ist ein Ort der Vielfalt. Vielfalt zeigt sich in den Begegnungen mit Gott, mit anderen Menschen und mit der Geschichte. Ebenso vielfältig ist die Art, wie diese Begegnungen zustande kommen: Manche Menschen ziehen sich ganz in sich zurück, um in der Stille zu verweilen, andere lieben den Austausch über das, was sie bewegt. Manche kommen, um zu beten, andere erkunden neugierig den Raum. Wieder andere halten ihre Eindrücke in Fotos fest, und manche zünden eine Kerze im Gedenken an ihre Verstorbenen an.

Wie bist du hier?

Um all diese unterschiedlichen Formen der Begegnung zu ermöglichen, braucht es Raum und Rücksicht aufeinander.