Wunden und Narben
Die Marienkirche erzählt ...
... vom Krieg ...
Die Marienkirche ist ein steinernes Zeugnis der Vergangenheit. Sie blickt auf eine mehr als 800-jährige Geschichte zurück. Nicht immer waren die Zeiten friedlich: Kriege, Unruhen, Besetzung. Doch den größten Einschnitt für Lübeck und die Marienkirche brachte der Zweite Weltkrieg. Beim Bombenangriff auf Lübeck in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 wurde die Kirche stark beschädigt: Die Türme und Gewölbe stürzten ein.
Die Innenausstattung wurde fast vollständig zerstört. Das gesamte Gebäude war einsturzgefährdet
Bis heute erzählt die Marienkirche von diesem Ereignis. Sie ist geprägt von der Auseinandersetzung mit Schuld und der Versöhnung zwischen Deutschland und Europa. Das wohl eindringlichste Zeichen dafür ist die Gedenkkapelle mit dem Nagelkreuz aus Coventry. In ihr liegen die zertrümmerten Glocken, die während der Brandnacht aus dem Südturm herabstürzten. Die Wucht ihres Aufpralls bleibt eine Mahnung vor Gewalt und Krieg, die körperlich spürbar ist.
Hier erfahren Sie mehr über das Nagelkreuz aus Coventry
... von Zerstörung ...
Nach dem Brand der Marienkirche musste zunächst die verbliebene Bausubstanz gesichert werden. Die Kirche ist eines der bedeutendsten Bauwerke der norddeutschen Backsteingotik und Vorbild für viele mittelalterliche Kirchen in den Hansestädten des Ostseeraums. Ihr Wiederaufbau war daher ein vordringliches Ziel in den Jahren nach dem Krieg.
Beim Wiederaufbau plante man bereits zwei Orte des Gedenkens an die Zerstörung ein: Die Gedenkkapelle unter dem Südturm wurde als erstes eingerichtet. Als nächstes wurde beschlossen, die ehemalige Totentanz-Kapelle, in der sich das berühmte Gemälde "der Totentanz " von Bernt Notke befunden hatte, als Erinnerungsort einzurichten. Mit großzügigen Spenden konnten 1956 zwei Fenster mit Glasmalereien realisiert werden. Sie erinnern an den vernichteten Totentanz. Die untere Fensterzone zeigt die Silhouette des brennenden Lübecks. Krieg und Tod sind die vorrangigen Themen dieses ersten Werkes zeitgenössischer Kunst in St. Marien. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht ablesbar.
... von einer Nacht ...
XY
Trauer und Liebe
Diese Skulptur einer trauernden Frau ist über 300 Jahre alt. Sie ist Teil des alten barocken Altars, der 1942 schwer beschädigt und daraufhin abgebaut wurde. Die Figur begleitete das zentrale Geschehen im Bildprogramm des Altaraufsatzes: die Kreuzigung Jesu. Sie trauert um den Gekreuzigten. Auch wenn vielen Menschen heute die religiösen Hintergründe der Darstellung nicht (mehr) bekannt sind, ist doch der Ausdruck der Trauer in ihrem Gesicht überzeitlich gültig.
Sie und auch die Figurengruppe gegenüber stehen für Menschen in Trauer. Direkt auf Augenhöhe mit uns, sprechen sie uns an in bestimmten Zeiten unseres Lebens. Und gleichzeitig liegt in ihnen auch etwas von der Trauer darum, dass ihre Zeit vergangen ist. Ihre Kleidung, der Anlass ihrer Trauer - sie haben in der Gegenwart wenig Nachhall. Sie sind wie aus der Zeit gefallen.
Das dachten auch die Verantwortlichen für den Wiederaufbau der Marienkirche und ließen die Skulpturengruppe und den gesamten Altaraufbau entfernen. Das Pathos der Trauer war in den 1950er Jahren nicht mehr zeitgemäß.
Spiegel des Menschseins
Nicht überall ist die Erinnerung an Krieg und Zerstörung, an Tod und Verlust so deutlich sichtbar und spürbar wie in der Gedenk- und der Totentanzkapelle. Die beeindruckende Architektur der Marienkirche, ihre Kraft reißt unseren Blick in die Höhe der blätterberankten Gewölbe, hinauf ins Licht. Dieser Kirchenraum ist herausgeschnitten aus dem umtriebigen Alltag der Innenstadt. Er ist anders. Er überwältigt. Er ist gebaut mit einer Gottesvorstellung, mit einem Vertrauen in "Kirche", die uns heute eher fremd sind. Aber der Kirchenraum ist eben auch ein Ort des Menschseins.
Ein Ort, an und in dem sich menschliches Verhalten, menschliches Handeln, menschliche Bedürfnisse widerspiegeln und abbilden. Nicht zuletzt auch die Aggression von Krieg und Gewalt, aber auch die tiefe Liebe in Trauer und Hoffnung. Mit dieser Verantwortung für Gegenwart und Zukunft setzt sich die Marienkirche auseinander.
Der erst kürzlich verstorbene Künstler Günther Uecker hat in seiner Installation Verletzungen-Verbindungen ein Sinnbild geschaffen für Verletzlichkeit menschlichen Lebens und der Hoffnung auf Heilung.
Fragmente
Nicht nur die genannten Kapellen sind Orte der Erinnerung, Orte des Anstoßes. An vielen Stellen treffen wir im Kirchenraum auf Zeichen, die an die Zerstörung durch Krieg und Gewalt hinweisen. Es sind die Reste, Fragmente von früheren Ausstattungsstücken der Marienkirche.
Im Chorraum fällt vor allem das Fragment des Lettners ins Auge. Der steinerne Lettner trennte einst das Langhaus, in dem die Kirchengemeinde dem Gottesdienst beiwohnte, vom Chorraum, der den Geistlichen und Kirchenvorstehern vorbehalten war. Er ist ein Relikt der mittelalterlichen Kirchenausstattung. Er wurde aber nach der Einführung der Reformation nicht abgerissen.
Der Lettner gehörte zu den kunsthistorisch wertvollsten Werken in der Marienkirche, für das kirchliche Leben war er aber schon seit der Mitte des 16. Jahrhundert sozusagen überflüssig geworden. Seine Zerstörung 1942 machte den Weg frei, den Kirchenraum beim Wiederaufbau zu einer liturgischen Einheit zusammenzubinden. Heute können Besucher*innen das Kruzifix über dem Altar von weitem betrachten und nahe herangehen.
Fragmente des Erinnerns
An den Wänden der Seitenschiffe fallen die zahlreichen Epitaphien auf. Sie sind zum Teil schwer beschädigt. Epitaphien sind Gedenkbilder für Verstorbene. Sie waren vor allem vom 16. bis 18. Jahrhundert beliebt. Sie erinnern mit Inschriften, reicher figürlicher und ornamentaler Dekoration und manchmal auch mit Porträts an die Toten und ihre Familien.
In der Marienkirche sehen wir heute vor allem wertvolle Fragmente aus Stein. Die vielen hölzernen Gedenktafeln gingen 1942 vollständig verloren. Übriggeblieben sind nur noch Erinnerungen an wohlhabende und politisch einflussreiche Bürger der Stadt, die sich ein Epitaph aus Sandstein oder gar Marmor leisten konnten. Erinnerungen an die einfache Bevölkerung finden wir hier nicht.
An diesem Epitaph scheint der Tod als einziger zu triumphieren. Ein geflügelter Totenschädel grinst von oben herab. In der für die Epoche des Barock üblichen Weise scheint er uns zuzurufen: "Memento mori" - Bedenke, dass du sterblich bist!
Die Marienkirche erzählt von Hoffnung ...
Sie gehen einem nahe, diese Zeichen, diese Bilder vom Krieg und vom Tod, die Erinnerungen an gelebtes und erlittenes Leben. Sie bedrücken. Das müssen sie auch. In der Bedrückung und in dem Schmerz, den wir spüren, liegt eine Kraft zur Veränderung. Zum: Nie wieder!
Das Christentum hat in der Gestalt des Gekreuzigten ein zeitloses Zeichen von menschlichem Leid, Schmerz und Tod geschaffen. Und es erzählt eine Geschichte, wie wir mit diesen existenziellen Herausforderungen umgehen können. Es ist die Geschichte von der Hoffnung auf Erlösung, der Auferstehung von den Toten. Auch diese Geschichte erzählt die Marienkirche zum Beispiel in dem Kruzifix von Gerhard Marcks.
... von Versöhung,
Die Marienkirche erzählt auch eine Geschichte der Versöhnung - in der Gedenkkapelle mit dem Coventry-Kreuz, dem Zeichen für Frieden und Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Und sie erzählt von ausgestreckten Händen, die sich selbst darbringen. Sie sind eine Einladung anzunehmen - und selbst zu geben.
Der Wiederaufbau der Marienkirche nach dem Zweiten Weltkrieg hat viel Zeit gebraucht. Und eigentlich findet er immer noch statt, denn die Wunden, die damals gerissen wurden, erfordern ein langes und umsichtiges Nachdenken und Gestalten. Sie fordern Antworten der Gegenwart auf uralte und immer wiederkehrende Fragen. Die zeitgenössische Kunst war an der Suche nach Antworten für die Marienkirche stets beteiligt.
... von Wundern und Skandalen,
Und manchmal geschehen Wunder. So schien es zumindest, als in der Hitze des Feuers 1942 unter den dicken Malschichten die ursprüngliche Ausmalung der Marienkirche wieder zum Vorschein kam. Und dabei handelte es sich nicht nur um das eine oder andere Fresko, sondern um eine ganze Raumfassung, wie man sagt, also eine vollständige Bemalung des Innenraumes! - Fugenmalerei, Rankenwerk in den Gewölben, Figuren im Obergaden. Die gotische Architektur wurde im 14. Jahrhunderts auf das Schönste durch die Malerei akzentuiert.
Diese Bemalung wurde in einem langen und spannenden Restaurierungsverfahren freigelegt und großzügig ergänzt. Doch das ist eine Geschichte, die an anderer Stelle ausführlich erzählt werden muss - schließlich handelt es sich - Spoileralarm! - um eine der größten Kunstfälschungen der Nachkriegszeit.
... und von einem, der sich gekümmert hat
Das war der Hamburger Bankier Eric M. Warburg. Man könnte sagen, dass er die Hauptrolle in einem Thriller spielte: Warburg gehörte einer deutsch-jüdischen Unternehmerfamilie an. Er floh vor der Verfolgung der Nationalsozialisten in die USA. In seiner Funktion als US-Offizier nutzte er seinen Einfluss und setzte sich dafür ein, dass buchstäblich in letzter Sekunde eine weitere Bombardierung Lübecks ausblieb.
Durch sein couragiertes Eintreten wurde die Altstadt Lübecks mit ihren bedeutenden Kaufmannshäusern und Backsteinkirchen bewahrt und dient heute allen Interessierten als Fenster zur Geschichte. Sie wurde Weltkulturerbe.
Ein Porträt von Eric M. Warburg befindet sich in der Gedenkkapelle unter dem Südturm. Dort erinnert es gemeinsam mit den herabgestürzten Glocken und dem Coventry-Nagelkreuz an die Geschichte von Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau und Versöhnung.
Er ist einer von Vielen
Das Porträt Eric M. Warburgs wurde von dem Künstler Armin Mueller-Stahl gemalt. Dieser hat mit der Porträtserie "Jüdische Freunde" vielen Freunden und Weggefährten ein Denkmal gesetzt. Die Reihe umfasst Schauspieler- und Autor*innen wie Peter Ustinov und Marcel Reich-Ranicki, bekannte Künstler*innen und Intellektuelle wie Arnold Schönberg, Hannah Ahrendt und Susan Sontag, aber auch verstorbene Impulsgeber wie Fanny Hensel und Gustav Mahler. Jedes Porträt enthält einen handgeschriebenen Text - sozusagen ein Statement des Malers. Mueller-Stahl macht mit der Serie vor allem jüdisches Leben im 20. Jahrhundert sichtbar und regt zum Dialog an. Die Reihe soll zur historischen Bildung beitragen und ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.
Mueller-Stahl, ein international anerkannter Schauspieler, ist bekannt für seine vielseitigen Talente als Maler, Musiker und Schriftsteller. Die Porträts der Reihe sind überwiegend 2020 auf der Grundlage von Fotos entstanden. Mueller-Stahl übersetzte die Fotografien in seine typische Handschrift. Der expressive Pinselduktus lässt die Menschen auf dem Hintergrund vibrieren.